Berlin : Lerne parken ohne zu leiden

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Irgendwann wollten die Grünen, als sie noch die Macht hatten, die Autos aus Berlin vertreiben. Das missglückte. Immerhin durften sie stehenbleiben, wenngleich nach strengen Regeln sortiert. Berechtigungs-Vignetten hinter der Windschutzscheibe weisen den Automobilisten als Berliner mit erstem Wohnsitz in den privilegierten Parkzonen aus. Ich wohne in Wilmersdorf, aber in Wahrheit wohne ich in der Zone 8. Hier jagen blau uniformierte Politessen mit schwerem elektronischen Gerät die Fremden beziehungsweise ihre Autos ohne Aufenthaltsgenehmigung. Es hagelt Strafzettel. Doch meine Vignette ist nach einem Jahr abgelaufen, ein Sturz aus allen Privilegien. Ich war zu allem Unglück in der Fremde unterwegs, bei Strafe von sechs Protokollen à fünf Euro, eine über die andere hinter den Scheibenwischer meines kleinen Lancia geklemmt.

Die Vignetten-Ausgabe findet im Berliner Ausland, genauer, in Spandau statt, und zwar in der Behörde „Dr 2 SV Abschnitt 21, Moritzstraße 10, Mo-Mi 8-14 Uhr und Do-Fr 8-12 Uhr, 1. Etage, Zimmer 107“. So teilte es mir eine der uniformierten Hüterinnen der Parkbuchten schriftlich aber bestimmt mit, und zwar per Vordruck, nachdem sie ihrer Pflicht gefolgt war. Strafgebühr: Fünf Euro.

Es ist Montag früh. Abfahrt per Taxi nach Spandau; denn ich habe es eilig, und mein Wilmersdorfer Parkplatz ist hoch gefährdet, muss also gehütet werden. Der Lancia bleibt, wo er ist. Fahrtkosten: zwanzig Euro. Doch die Amtsstelle „Dr 2 SV Abschnitt 21“ hat sich eines anderen entschieden und ist fortan am Montag geschlossen. Heute ist Montag. Zwar verfügt Berlin über 30 Prozent mehr Beamte und Angestellte – pro Kopf der Bevölkerung gemessen – als Hamburg oder Frankfurt, aber anfangs der Woche verwaltet man sich offenkundig selbst.

Ich habe ein Handy dabei. Immerhin hebt eine Beamtin oder städtische Angestellte den Hörer ab: Beim nächsten Mal, vielleicht morgen, sollte ich meinen Personalausweis und die Wohnbescheinigung des Einwohnermeldeamts (habe ich) und den Kfz-Schein (mit einwandfreier Berliner Adresse, habe ich auch) mitbringen. Also nicht ein, nicht zwei, sondern drei Dokumente, die zweifelsfrei belegen, dass ich wirklich über einen Hauptwohnsitz in Berlin-Wilmersdorf verfüge, also zugezogener Eingeborener erster Klasse bin. Wie mein Kleinwagen mit Berliner Kennzeichen. Ein Blick auf den Personalausweis zeigt indes: Er ist abgelaufen. Obendrein mit einer alten, absolut ausländischen Adresse: Hamburg. Ich brauche aber drei, nicht zwei Berliner Glaubwürdigkeitszertifikate. Schnell ins Taxi und zum Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, um einen neuen Ausweis zu beantragen. Neuerliche Kosten: zwanzig Euro.

Im Bezirksamt riecht es nach Linoleum und Lysol. Es ist zehn Uhr. Eine Zahl ziehen und warten, warten, warten. Neben mir sitzen zwei Polinnen, zweifellos professionelle Warterinnen, denn ihr Blick weist nach innen, in die Weite ihrer landestypischen Langmut. Die Zeit verrinnt mit meiner Geduld. Es ist wie beim Lottospiel: Meine Zahl wird nicht aufgerufen. Ganz seltsame Ziffern leuchten auf, mehrere Primzahlen erhalten den Vorzug. Ich studiere den Amtskorridor. An der Wand ein Schaukasten der Landsmannschaft Pommern, ganz wie früher, es zeigt das schöne Gebiet des Verzichts in den Grenzen von 1938. Ja, damals, als die Pferde noch das Verkehrsbild prägten, wenngleich ohne Vignetten . . . Was wohl die wartenden Polinnen (aus Pommern?) denken mögen? Werden Pommern und ehemalige Hamburger vielleicht absichtlich benachteiligt?

Zwei Stunden verfließen, eine nette Beamtin sagt: „Det kann auch fünf Stunden dauern. Det liecht an der Rationalisierung. Wir müssen ja wie blöd rationalisieren.“ Ist sie die Herrin der Primzahlen? Auf die Bemerkung, in Hamburg dauerte eine gleiche Prozedur zwanzig Minuten, erfahre ich, dass heute, am Montag, besonders viele Kollegen wahrscheinlich wegen Krankheit nicht gekommen seien. Die städtische Verwaltung scheint nicht gesund zu sein, besonders am Montag nicht. Ich habe jetzt Kopfschmerzen und benötige auch zwei Aspirin. Um 12 Uhr 30 muss ich einen geschäftlichen Termin wahrnehmen und verlasse mit ungültigem Personalausweis, also im Prinzip ausweisungsgefährdet, es sei denn ich stellte einen Asylantrag für mich und meinen kleinen Lancia, das unbürgerliche „Bürgeramt“.

Nein, diese Stadt wird so schnell keine Investoren anlocken. Die haben keine Zeit für Berliner Verkehrs-, Bezirks- und Bürgerämter, von den vielen, vielen anderen Genehmigungsanstalten ganz abgesehen. Die beiden Polinnen, davon gehe ich aus, sitzen immer noch auf ihrer Bank im Bezirksamt. Nach drei Tagen sind sie im Geiste wahrscheinlich schon Berlinerinnen. Hat sie denn niemand gewarnt?

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