Berlin : Les Ballets Trockadero de Monte Carlo: Falsche Wimpern, echtes Tutu

Sandra Luzina

"Ballet is a woman", befand der Choreograph George Balanchine. Und es stimmte lange Zeit: Im Ballett hatten die Frauen die besseren Partien, die glanzvolleren Kostüme, sie standen im Rampenlicht als entrückte Göttin, als bleicher Schwan. Und verkündeten trippelnd ihre Botschaft: Eine Frau ist ein verwunschenes, zerbrechliches Fabelwesen. Und die Männer? Sie mussten Strumpfhosen tragen, sich mit der Prinzenrolle begnügen und im Ballerinenstemmen verausgaben. Die Dominanz des Weiblichen blieb lange unangefochten.

Doch dann betraten "Les Ballets Trockadero de Monte Carlo" die Szene: Ballerinen mit Brustbehaarung und falschen Wimpern, Männer in Spitzenschuhen und Tutu. Diese Drag-Ballerinas schaffen mühelos den Spagat: wenn sie ihre Pirouetten drehen und ihre Arabesken schrauben, dann sind Ballettliebhaber und Ballettverächter gleichermaßen entzückt.

Jetzt gastieren Les Ballets Trockadero de Monte Carlo in Berlin. Die Cross-Gender-Debatte hat mittlerweile alle Kunstsparten infiziert, die Trocks können da fast schon als Vortänzer gelten. Angefangen hat alles 1974 in New Yorker Lofts. Dort unternahmen professionelle Tänzer den augenzwinkernden Versuch, sich weibliche Attribute anzueignen und berühmte Frauenrollen zu erobern. Der Ruhm der Dancing Queens blieb nicht nur auf die schwule Subkultur beschränkt. Die Trocks ertanzten sich schnell Kultstatus.

Heute touren sie durch die Welt, sind gern gesehener Gast in TV-Shows. In London hat die Compagnie jedes Jahr ihre Saison. Ihre Verbindung aus Klassik und Camp, russischem Ballett und amerikanischer Comedy spricht viele an - aus den unterschiedlichsten Gründen. So sind etwa die japanischen Frauen ganz verrückt nach den Ballet Boys. Sie investierten Unsummen in Rosensträuße, reißen sich um die durchgetanzten Spitzenschuhe der Dream Men.

Wie schon der Name suggeriert, huldigen Les Ballets Trockadero dem Willen zum Glamour - antrainierte Grazie und falscher Glitter verbinden sich zu einer schillernden Show. Ausgerechnet die Bijou des Ballettrepertoires haben die Boys sich für ihre Huldigung ausgesucht, "Schwanensee" oder "Paquita" werden in den Originalchoreographien dargeboten. Ein Faible haben sie für das russische Ballett, das auf unnachahmliche Weise Kitsch mit Noblesse vereint. Das berühmteste Solo der Tanzgeschichte, "Der sterbende Schwan", muss allerdings ordentlich Federn lassen. Ein typischer Pas de Trock kontert die balletöse Spitzenklöppelei mit gekonntem Slapstick. Die Tänzer investieren schon mal ein Zuviel an maskuliner Kraft, rempeln ihre Rivalin an oder bringen sich selbst zu Fall.

Da brechen unter den Schwänen kleine Zänkereien aus. Und natürlich dürfen die Ballerinen ihre Eitelkeiten hemmungslos ausagieren. Statt Drill und Perfektion zeigen die Trocks jede Menge Faux Pas und komische Entgleisungen. Und natürlich wird ein lustvolles Spiel mit den Geschlechteridentitäten angezettelt. Doch hier geht es um mehr als nur Maskerade. Die Einstudierung der weiblichen Rollen ist ein einschneidender Schritt. Während der Ausbildung zum Ballettänzer ist es den Jungen ja untersagt, den Spitzentanz zu erlernen. Wer bei den Trocks mittanzt, muss sein Training komplett umstellen, andere Muskeln ausbilden. Und er muss die Lektion lernen: Schönheit wird mit Schmerzen erkauft.

Denn selbstverständlich ist es mörderisch, à la pointe zu tanzen. Nun ist das Tanzen reine Männersache bei den Trocks, doch die schweißtreibenden Exercises im Dienst "femininer" Anmut werden doch unter weiblicher Aufsicht ausgeführt: Ballettmeisterin Pamela Pribisco wacht darüber, dass ihre Schützlinge sich nicht verletzen. Und für die Weiterbildung werden Expertinnen wie Elena Kunikova herangezogen. Auch Leanne Benjamin vom Londoner "Royal Ballet" lobt Hingabe und Engagement der Tänzer.

Und das ist das Schöne an den Trocks: Ihre Parodien von Klassikern sind zugleich Ausdruck größter Verehrung für das klassische Ballett.

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