Berlin : Lesen en suite

Wenn im Hotelzimmer prominente Vorleser warten: Eine Literaturgala mit Lieblingsschauspielern und Lieblingsbüchern

Elisabeth Binder

„Wissen Sie, wo Ulrich Matthes liest?“, fragt die Mathematikerin aus Bayern die anderen Passagiere im Fahrstuhl des Concorde Hotels. Alle befinden sich auf dem Weg zu 16 verschiedenen Suiten, in denen Prominente aus ihren Lieblingsbüchern lesen. Im Foyer des noch ziemlich neuen französischen Hotels in der Augsburger Straße haben die Gäste Karten gezogen für eine bestimmte Lesung. Glücklich, wer auf Anhieb die Karte zum Salon seines Lieblingsprominenten erwischte.

Mit der ersten Lesegala feierte das Hotel Concorde ein originelles gesellschaftliches Debüt. Diese Form der inhaltsreichen Wohltätigkeitsgala mit zeitgleichen Lesungen und einer leichten kulinarischen Umrahmung wird unter Kultur-Gourmets sicher ein Hit. Der Erlös der Literarischen Soiree in Höhe von 10 312 Euro ging an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. Zugunsten dieses Vereins hatten alle prominenten Vorleser des Abends, darunter die ehemalige Ministerin Christina Weiss, Magier André Sarrasani, Autorin Christine Eichel, Nina Ruge und Gudrun Landgrebe auf eine Gage verzichtet. Unter den Gästen waren neben dem Architekten des Hauses, Jan Kleihues, und dem französischen Botschafter Claude Martin, auch Mitglieder einer Selbsthilfegruppe, zum Beispiel Horst Uhrig, der erst mit 26 Jahren lesen und schreiben gelernt hat. Heute ermutigt er andere, die sich schämen, Analphabeten zu sein. Anonyme Beratung gibt es beim Beratungstelefon (0251/53 33 44).

Gudrun Landgrebe las in Suite 1014 vor einer großartigen Kulisse mit angeleuchteter Gedächtniskirche und Siegessäule aus „Madame Bovary“. Durch neue Glasfronten zeigt sich Berlin seinen Gästen von immer schöneren Seiten. Christine Eichel hatte sich „Bonjour Tristesse“ ausgewählt. Ulrich Matthes schließlich las aus Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“. Anschließend entspann sich eine spannende Diskussion darüber, warum erfolgreiche Autoren in Deutschland besonders harten Attacken ausgesetzt sind. Einer der Zuhörer wagte die These, mit 30 sei man sowieso viel zu alt, ein Buch zu schreiben. Darüber hätte man lange streiten können. Aber im Foyer warteten Austern, Champagner und zierliche Spieße mit halben Tomaten. Gespräche drehten sich auch darum, wie man Hotelräume auf diese Weise für fliegende Theaterszenen nutzen könnte. Am kommenden Sonntag gibt es weitere Lese-Salons. Reservierung unter Tel. 800 99 90.

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