Berlin : Lesen ist ein Laster

In Reinickendorf rollt einer von sechs Berliner Bücherbussen. Die fahrende Bibliothek hat auch „Star Wars“-DVDs geladen.

Karoline Kuhla
Hochsteigen, bitte. Bis unters Dach ist der Bücherbus mit guter Unterhaltung gefüllt. Und Bibliothekarin Monika Preuß hat alles im Blick. Foto: Vincent Schlenner
Hochsteigen, bitte. Bis unters Dach ist der Bücherbus mit guter Unterhaltung gefüllt. Und Bibliothekarin Monika Preuß hat alles im...

Berlin - Es ist früh in Reinickendorf, die ersten Sonnenstrahlen treffen auf Morgennebel. An der Straße warten zitternde Fahrgäste auf den Bus. Monika Preuß hat das nicht nötig, sie bereitet sich im Warmen auf ihre eigene, ganz besondere Busfahrt vor. Heute ist ihre Bücherkiste mit Herbst gefüllt: Bildbände über Igel, Eicheln und Blätter. „Das wird das letzte Mal sein. Bald geht es schon los mit den Weihnachtsbüchern“, sagt sie.

Die 57-Jährige ist Bibliothekarin. Doch Preuß regiert nicht etwa zwischen endlosen Bücherreihen irgendwo in einem Gebäude. Ihr Refugium ist schick lackiert, 13 Meter lang und gut motorisiert: Reinickendorfs Bücherbus. Geputzt, betankt, mit Energie geladen steht er bereit. Fünf Stufen hinauf, die Schiebetür öffnet sich, der Innenraum ist sonderangefertigt: Rechts ein Tisch, links ein Tisch, dazwischen Regale an allen Wänden, dazu Schubladen für DVDs und Hörbücher. Fahrer Frank Krüger ist auch schon da. Preuß und er kontrollieren die Regale: Alles festgestellt und angeschnallt? Kurz nach acht geht es los, knarzende, knautschende Fahrmanöver durch kleine Straßen, das braucht seine Zeit.

Die Idee hinter den „Fahrbibliothek“ genannten Bücherbussen ist simpel und von Berg-zu-Prophet-Natur: Die Wege zur Bibliothek sind für die Einwohner an Reinickendorfs Rändern weit. Deswegen wird ihnen die Literatur vor die Tür chauffiert. Ähnliches gibt es in Spandau, Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof, Treptow-Köpenick und Mitte. Das Reinickendorfer Team besteht aus zwei Bibliothekaren und zwei Fahrern, außerdem gehört der neue, 260 000 Euro teure Lese-Laster dazu. Drei bis vier Stationen werden pro Tag bedient.

Heute steht die Gustav-Dreyer-Schule auf dem Fahrplan. Dort angekommen, fängt Preuß an zu räumen, löst die Klemmen, die die Bücher vom Herausfallen abhielten. Die ersten Kunden des Tages sind gleichzeitig die jüngsten und eher an Bildern als an Buchstaben interessiert: eine Kindergartengruppe. Große Augen für die Schiebetür, große Augen für die Bilderbuchkisten. Nur Sebastian macht sich Sorgen. „Und wenn…“, er stoppt. „Und wenn der Bus losfährt?“, fragt der Dreijährige zaghaft. Preuß lacht. „Was sagst du dazu, Herr Krüger?“, ruft sie ihrem Gegenüber zu. Der zeigt Sebastian, dass niemand am Lenkrad sitzt und erklärt, dass der Bus dann auch nicht losfahren kann. „Haben sie ein Buch zum Krankenhaus?“, fragt die Erzieherin, „Sebastians Mutter ist Ärztin, das wollten wir uns mal angucken.“ Suchend fährt Preuß' Blick über die Bücherrücken: „Zahnarzt haben wir. Oder Kinderarzt, wie wäre es damit?“ Krankenhaus ist aus, der Kinderarzt macht das Rennen. So lernen durch den Bus bereits die Kleinsten, wie eine Bibliothek funktioniert.

21 000 Bücher stehen dem Bus zur Auswahl. Gut 3000 davon sind täglich mit auf Reisen, dazu Hörbücher, DVDs und CDs, Bilderbücher, Zeitschriften und Magazine, Koch- und Gartenratgeber. Bastelhefte und die saisonalen Herbstbücher sind vor allem bei Kindergärtnerinnen beliebt.

Preuß kennt ihr Angebot von Stephen King bis Cecilia Ahern, von Dan Brown bis Daniel Kehlmann. Aber ihre Leidenschaft sind nicht die aktuellen Bestseller. Seit 35 Jahren ist Preuß Kinder- und Jugendbibliothekarin, seit fünf Jahren mit dem Bus auf Tour. Gezielt zieht sie hier „Das kleine Gespenst“, dort „Das Sams“ aus dem Regal, preist die Klassiker von Kästner bis Rowling, erklärt die Lese-Raben-Reihe mit Silbenmethode und „Die drei !!!“ - das weibliche Pendant zu „Die drei ???“.

„Kinder haben bereits ihre eigene Meinung, was ihnen gefällt. Manche mögen nur Sachbücher, andere nur bestimmte Geschichten – so ist jedes Kind individuell“, sagt Preuß. Welches Buch war ihr in der Kindheit das liebste? „Außer Pferdebüchern hab ich alles gelesen“, sagt die Bibliothekarin.

Der Vormittag ist gut besucht. Die Kinder kommen im Klassenverband mit Lehrerin oder einzeln in der großen Pause. Rückgabe, Ausleihe, Ausweis scannen: Mit dem System Bücherbus sind die Schulkinder alle vertraut. Wie Daniel, der sich die „Star Wars“-DVD ausleihen will. Für seinen großen Bruder, sagt er. Fahrer Krüger grinst, scannt den Ausweis des Zehnjährigen. „Guck mal, komm mal rum!“, fordert er den Jungen danach auf. Der Bildschirm zeigt eine Warnmeldung, Daniel liest laut vor: „Ausleihe erst ab zwölf Jahren möglich.“ „Siehste“, sagt Krüger, „kann ich dir gar nicht mitgeben. Muss dein Bruder schon selbst vorbeikommen.“

Jahrelange Erfahrung beim Ordnungsamt – von Schülern lässt sich Krüger nicht so leicht übers Ohr hauen. Sicherheit ist ihm wichtig. Den Bus parkt er immer so, dass die Kinder nicht erst eine Straße überqueren müssen. Krüger ist ein massiger Mann, der Bus schwankt, wenn er hindurchschreitet. Seit 2006 kutschiert er die Fahrbibliothek, jetzt sitzt er am Ausleihtisch, rechts und links von ihm die Erwachsenenliteratur. Liest er selbst auch? „Nee, ich komme in meinem Leben gut ohne Bücher aus“, sagt er. Ein paradoxer Satz in dieser Umgebung. Erzieherinnen aus der Gegend und Stammgäste grüßen Preuß und Krüger mit Namen. Eltern bringen vergessene Bücher vorbei, suchen sich selbst einen dicken Schinken, den Kindern ein neues Hörbuch, „damit am Wochenende ein bisschen Ruhe einkehrt.“

Das ist klassisch: Freitagnachmittags steht der Bücherbus in Hermsdorf. Auf bis zu 500 Ausleihen kommt er da in dreieinhalb Stunden. Kurz vor dem Wochenende ist der Andrang eben immer groß. Bis Alt und Jung für die freien Stunden wieder mit neuem Lesestoff versorgt sind.

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