Berlin : Lesenswerte Gesichter

Der französische Botschafter Claude Martin und die frankophile Feministin Alice Schwarzer zeigen Europäerinnen mit Visionen und Mut

Elisabeth Binder

Frauen sind entgegen einem landläufigen Vorurteil gar nicht hässlicher als Männer, wenn sie älter werden. Falten und die Erzählungen des Lebens stehen ihnen ganz genauso gut. Bettina Flitner hat 48 Europäerinnen mit Visionen fotografiert, Alice Schwarzer hat die Texte dazu geschrieben. Der französische Botschafter Claude Martin hat sich persönlich dafür stark gemacht, dass diese Ausstellung zum Buch mit den Fotos starker Europäerinnen zuerst in seinen Räumen am Pariser Platz zu sehen ist, als Einstimmung auf die Europawahlen. Schon bevor er Botschafter wurde, war er begeistert von Alice Schwarzers Buch über Marion Gräfin Dönhoff, suchte Kontakt zu der frankophilen Publizistin: „Heute sind wir Freunde“, sagte er strahlend. Eines der letzten Portraits der „Zeit“-Gräfin in dem Buch beweist, dass eine Frau auch mit 90 keinen Grund zur Kamerascheu hat.

Trotzdem musste der Begriff „ Botox“ fallen. Sie verstehe die Sorge von Schauspielerinnen, die sich aus geschäftlichen Gründen das glättende Gift spritzen lassen, sagte Alice Schwarzer in ihrer Eröffnungsansprache. Allerdings sei das keine Lösung: „Man nimmt das Leben aus den Gesichtern.“ Auch die Psyche erstarre.

Endlich sehe man mal nicht den Schönheitswahn, „der uns täglich aufoktroyiert wird, sondern Schönheit, die sich aus Intellekt und Charisma speist“, schwärmte Familienministerin Renate Schmidt. Gezeigt werden Gesichter von Frauen, die etwas zu sagen haben, die für etwas kämpfen, die auf ihrem Feld die Uhren weiterdrehen. Nicht die üblichen Stars, die sowieso jeder kennt, obwohl bekannte Frauen dabei sind. Pina Bausch zum Beispiel, Franka Potente oder Alice Schwarzer selbst, über die ausnahmsweise die Fotografin textet: „Alice wächst als uneheliches Kind bei einem ,sehr mütterlichen Großvater‘ und einer ,hochpolitisierten, unkonventionellen‘ Großmutter auf. Der Ikone des deutschen Feminismus ist in der Folge ein besonders schöner Satz über Friede Springer gelungen, deren Werdegang zu einer der mächtigsten Verlegerinnen des Kontinents sie so beschreibt: „Aus der Frau an seiner Seite ist die Frau an seiner Stelle geworden.“

Neben der Verlegerin waren unter anderem Starköchin Lea Linster, Christine Bergmann, die Karikaturistin Franziska Becker und die niederländische Regisseurin Marleen Gorris gekommen.

Die meisten Texte sind kurz und vergleichbar angelegt. Zum Beispiel so: „Tarja Halonen wurde 1943 in Helsinki geboren.“ Die Portraits enthalten jeweils sehr persönliche Visionen. In diesem Fall das Motto der finnischen Staatspräsidentin: „Entschuldige dich nie für die Macht.“ Visionäre Frauen beschränken sich allerdings nicht auf Macht und den Kampf darum. Das wäre zu einfach. Mut aufzubringen kann viel schwieriger sein – und für die Gemeinschaft viel lohnender. Einem Besuch bei der Baronessa Codopatri in Süditalien wird extra viel Platz eingeräumt. Seit Jahrzehnten kämpft sie gegen die Mafia und zahlt dafür mit ständiger Lebensgefahr.

Miep Gies kommt ebenfalls vor, die Frau, die Anne Frank und ihre Familie vor den Nazis versteckte. Und mit Sian Edwards wird auch eine Dirigentin präsentiert, vielleicht um eines der gängigsten Klischees darüber, was Frauen können und was nicht, zu relativieren. Die französische Forschungsministerin und Astronautin Claudie Haigneré und die Medizin-Nobelpreisträgerin Christine Nüsslein Volhard wären vielleicht auch in dieser Kategorie aufzuführen. Die Belohnung dafür, das Leben wirklich auszuleben, scheint in jedem Fall ein schönes, ein lesenswertes Gesicht in jedem Lebensalter zu sein. „Wir können stolz darauf sein, solche Frauen in Europa zu haben“, sagte Claude Martin. Vielleicht ließ er deshalb beim nachmittäglichen Empfang mit herrlichem Ausblick auf das Brandenburger Tor nicht Kaffee und Kuchen servieren, sondern Champagner und Kaviar-Kanapees.

Bettina Flitner: Frauen mit Visionen, 224 Seiten, 180 Fotos, Knesebeck-Verlag, 39,90 Euro

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