Leseprobe : Die Sonntagsspaziergänge von Carl-Peter Steinmann

Zu Sonntagsspaziergängen durch Berlin lädt Tagesspiegel-Autor Carl-Peter Steinmann in seinem soeben erschienenen, neuesten Buch ein. Hier eine Leseprobe vom Bummel durch Kreuzberg. Besuchen Sie mit Steinmann "Riehmers Hofgarten"  an der Ecke Mehringdamm, Yorckstraße.

1860 erstellte James Hobrecht den Bebauungsplan für dieses Gebiet vor dem Halleschen Tor, der dann die Grundlage der Stadterweiterung war. Damit begann die Stunde der Spekulanten, die ein gutes Geschäft witternd, innerhalb kürzester Zeit, soviel wie möglich, an Grund und Boden aufkauften. Fast alle erhaltenen Altbauten dieses Viertels entstanden in den darauf folgenden Jahren.

Zu denen die sehr früh den rasant steigenden Wert der Grundstücke erkannten, gehörte auch der Baumeister Wilhelm Riehmer. Er erwarb preiswert 27 ehemalige Weide-Grundstücke, die er in den folgenden Jahren dann mit Mietshäusern bebaute. Riehmer wurde 1830 am Belle Alliance Platz geboren. Sein Vater, Mitglied der Böhmisch reformierten Brüdergemeine, war einige Jahre zuvor wegen religiöser Verfolgung von Böhmen nach Berlin zugewandert. Sohn Wilhelm hatte den Beruf des Maurers erlernt und machte sich nach Erhalt des Meisterbriefes selbstständig. Er heiratete Louise Lehmann, die Tochter eines Holzhändlers, die in den folgenden Ehejahren 14 Kinder zur Welt brachte, von denen aber einige schon kurz nach der Geburt verstarben.

Von dem Areal, das heute Yorckstraße, Großbeerenstraße, Hagelberger Straße und Mehringdamm begrenzen, gehörte Riehmer der weitaus größte Teil. Seine Bauplanungen sahen eine stattliche Hofgartenanlage vor, die drei Straßen miteinander verbinden sollte. Vorbild war der Heinrichshof an der Ringstraße in Wien. Von Anfang an wusste Riehmer, dass die Behörden der Anlage einer Privatstraße nicht zustimmen würden. So unternahm er erst gar keinen Versuch einen Antrag für den gesamten Komplex zu stellen und wählte stattdessen die Salamitaktik. Er begann mit den zwei Eckhäusern zur Hagelberger Straße, obwohl er nur für das linke eine Baugenehmigung hatte. Gleichzeitig lancierte er einen Presseartikel, der im Januar 1881 im Lokalteil der Zeitung „Hallescher Thor-Bote“, unter der Überschrift „Eine neue Straße“ erschien: „Das zwischen der Yorck- und Hagelberger Straße dem Maurermeister Riehmer gehörige Terrain wird zur Anlage einer mit der Großbeeren- parallel laufenden Verbindungsstraße benutzt werden. In der Hagelberger Straße hat man bereits mit dem Bau eines Eckhauses begonnen, während, wenn es die Witterung irgend erlaubt, das andere Eckhaus sofort nach Räumung des Kohlenplatzes ausgeschachtet werden soll. Die Straße dürfte vorläufig den Charakter einer Privatstraße, wie z.B. Heinrichshof haben, da ein Bedürfniß zu ihrer Anlage seitens der Stadt nicht vorliegt“.

Die Baubehörden, die von diesem Vorhaben erst aus der Zeitung erfuhren, fühlten sich hintergangen und verhielten sich in der Folgezeit nicht sehr kooperativ. Als wenige Tage nach dem Artikel der Antrag auf den Bau des zweiten Eckhauses gestellt wurde, reagierte die Behörde entsprechend: „... Ich mache darauf aufmerksam, daß Riehmer beabsichtigt, durch diese Bauten nach und nach zwischen der Hagelberger Straße 9 und 12 eine bis zur Yorckstraße führende Privatstraße entstehen zu lassen. Er brüstet sich bereits in publicum damit, daß ihm infolge der erteilten Bauerlaubnis zu den beiden Eckhäusern eine Erlaubnis zur Anlegung jener Privatstraße gar nicht notwendig erscheine. Er unterlässt es deshalb auch, die respektablen Bauanträge selbst zu stellen“.

Das war nur das Vorspiel, die darauf folgenden gerichtlichen Auseinandersetzungen zogen sich über sieben Jahre hin. Zwischenzeitlich mussten die Bauarbeiten mehrfach unterbrochen werden, bis endlich, nach elfjähriger Bauzeit, 1892 alle Wohnhäuser um die Privatstraße herum fertiggestellt waren. Anzumerken bleibt, dass der streitbare und clevere Bauherr alle Prozesse gegen die Baupolizei gewonnen hat. War es nur die Freude am Streit mit den Behörden oder warum wollte Riehmer unbedingt eine Privatstraße bauen? Sein Hofgarten besteht aus 24 Wohnhäusern. Gäbe es die kleine Straße nicht, wären der größte Teil der Gebäude Hinterhäuser. So aber sind alle Gebäude des Ensembles Vorderhäuser und diese bringen erheblich höhere Mieteinnahmen, woran sich bis zum heutigen Tag nichts geändert hat.

Yorckstraße 84, neben einem Bestattungsunternehmen mit dem passenden Namen „Heimkehr“, ist der Haupteingang zu Riehmers Hofgarten. Vor Betreten der Anlage lohnt ein Blick auf die äußere, prachtvoll gestaltete Fassade. Zwei kräftige Herren, ein junger und ein alter, haben die schwere Aufgabe übernommen, das Portal zu stützen. Zwischen den strammen Männern, umrankt von Lorbeer, ist die Bauzeit 1891-1892 zu lesen. Es ist das zuletzt fertiggestellte Gebäude des Hofgartens. Ganz oben in der Mitte sind große Atelierfenster zu erkennen. Auch den anderen Wohnungen ist schon von außen anzusehen, dass sie sehr großzügig gebaut wurden.

Hat man den Innenhof erst einmal betreten, dringen nur noch geringe Verkehrsgeräusche von der lauten Yorckstraße in den Hof. Plötzlich macht sich das Gefühl breit, sich in einer Oase der Ruhe zu befinden. Die alten Fassaden, Gaslaternen und Kopfsteinpflaster, alles erinnert an eine andere, lang zurückliegende Zeit. Mehrere Innenhöfe öffnen sich zu der kleinen Privatstraße. Einige alte Bäume, von denen sich einer bedenklich neigt, sorgen für Schatten, ohne die Wohnungen zu sehr zu verdunkeln. Am Hauseingang mit der Hausnummer 84 B wird der Besucher mit dem alten römischen „Salve“ begrüßt. In der Hofmitte eine Bronzeskulptur des 2006 verstorbenen Bildhauers Gerson Fehrenbach, der in einem der Häuser sein Atelier hatte.

Riehmers Hofgarten besteht aus 24 Wohnhäusern mit insgesamt 270 Wohnungen, in denen mehr als 600 Menschen leben. Der Heinrichshof in Wien, der dem Baumeister als Vorbild diente, wurde im Krieg vollständig zerstört, während dieser Hofgarten nur geringe Kriegsschäden zu beklagen hatte. 1985 beschrieb der hier wohnende Journalist und Schriftsteller Heinz Ohff, Feuilletonchef des Tagesspiegels von 1961 bis 1987,  die Mietermischung in den Häusern: „So wohnen denn in Riehmers Hofgarten, dem ehemalig hochherrschaftlichen, friedlich zusammen: Rentner, kleine Gewerbetreibende, Angestellte, Studenten, Arme und Wohlhabendere, Wohngemeinschaften und Abgeordnete der Alternativen Liste, Prominenz (unter anderem der Theaterregisseur Dresen, der Schriftsteller Jurek Becker, der Maler Walter Stöhrer), junge Familien, Künstler und Kunsthändler – wie der Galerist Georg Nothelfer. Eine solche Mischung ist (...) stimmig, weil sie gleichsam einen Schnitt durch die Sozialstruktur von Berlin 61 legt, mit einer Ausnahme: der Ausländeranteil ist geringer als sonst in Kreuzberg.“

Die kleine Straße führt geradeaus zur Hagelberger Straße. Das Wohnhaus links vom Tor, war der erste fertiggestellte Bau und der Beginn des langjährigen Streits mit den Baubehörden. Seit seiner Fertigstellung gab es ein Bierlokal im Haus, das bei den Anwohnern äußerst beliebt war und wo das Bier vom Hahn für den Hausgebrauch, noch bis in die 50er Jahre, in Siphons verkauft wurde. Heute ist aus der Bierkneipe ein Speiserestaurant geworden, das den Namen des Baumeisters trägt und in dem der Koch österreichische Küche pflegt.

Entnommen aus dem Buch „Sonntagsspaziergänge. Entdeckungen in Kreuzberg, Nikolassee, Friedrichshagen, Schöneberg, Mitte und Weißensee“ von Carl-Peter Steinmann, Transit-Verlag, 16,80 Euro.

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