Leserdebatte : Berlins beste Ansichten - Nachwende-Architektur in der Hauptstadt

Der Schloss-Neubau: nur 08/15? Die neue Messehalle: banal statt Baudenkmal? Welchen Bau der Nachwende-Architektur finden Sie gelungen oder misslungen? Diskutieren Sie mit!

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DG-BANK: Frank Gehry ist Dekonstruktivist, einer, der aus Prinzip mit den Regeln der Baukunst bricht, um neue Ausdrucksformen zu finden. Es grenzt an ein Wunder, dass Gehry zum Zuge kam beim Wiederaufbau von Berlins guter Stube, dem Pariser Platz. Dort hatten sich Bauherren strengen Regeln zu unterwerfen: Höhe, Fassadengestaltung und sogar der Baustoff Sandstein waren vorgegeben. Die Kunst bestand darin, den Spielraum zu nutzen. Gehry ist das perfekt gelungen. Die Fassade der DG-Bank zum Pariser Platz ist ruhig, symmetrisch, aber dank kleiner Kunstgriffe bei Fensterformaten und zurückgesetztem Dachgeschoss alles andere als eintönig. Doch Gehrys Fantasie erschöpft sich nicht in der Fassadengestaltung. Das Feuerwerk zündet er kühn im Gebäudeinneren, wo der Konferenzsaal wie ein riesenhaftes Gürteltier liegt und den ehernen Grundsatz von Strenge und Symmetrie verhöhnt. (Ralf Schönball)Weitere Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
11.06.2011 23:54DG-BANK: Frank Gehry ist Dekonstruktivist, einer, der aus Prinzip mit den Regeln der Baukunst bricht, um neue Ausdrucksformen zu...

Die Mauer zerbrach, die Stadt wurde wieder eins. Riesige Brachen verführten zu großartigen Visionen. Berlin 1990: Was für eine Zeit des Aufbruchs! Im Bauboom der neunziger Jahre wurde gewiss manches falsch gemacht, doch von welcher Epoche ließe sich das nicht sagen? Insgesamt - und der Blick von auswärtigen Besuchern bestätigt es - ist in ganz Berlin herausragende Architektur entstanden. Eine Vielzahl der bedeutendsten Architekten weltweit hat hier bauen können. Was mit der "Internationalen Bauausstellung" 1984- 1987 nur mit hohen Subventionen und auf den Wohnungsbau beschränkt entstehen konnte, ist seit 1990 selbstverständlich: dass Berlin ein Anziehungspunkt ist für Architekten von überall her.

Nicht alle Träume wurden Wirklichkeit. Und zu nicht wenigen möchte man sagen: zum Glück. Tabula rasa in der historischen Stadtmitte, Hochhaus-Spargel rund um den Tiergarten, Schnitte und Schneisen überall? Die Stadt muss nicht neu erfunden werden, sie existiert bereits: Diesem Kerngedanken ist die Berliner Stadtplanung, nicht immer zur Freude experimentierfreudiger Nachwuchsarchitekten oder selbstsüchtiger Investoren, gefolgt. Doch anders, als es Kritiker eine Weile lang an die Wand malten, ist das neue, vereinte Berlin, nicht langweilig geworden, sondern aufregend. Vielgestaltig, weil der traditionelle Grundriss der Stadt bewahrt blieb und Neues sich immer wieder mit Vorhandenem beweisen musste. Nicht eine angeblich engstirnige Bauverwaltung hat mancherorts die Verwirklichung kühner Pläne verhindert, sondern zumeist das Zögern und Schachern von Investoren, die mit Grundstücken und darauf liegenden Baugenehmigungen schnelle Kasse machen wollten - weshalb nicht nur der Leipziger Platz noch immer Baustelle ist.

Das öffentliche Bauen von Parlament und Bundesregierung hat der Stadt einen Schwerpunkt beschert. Was das Land Berlin in unzähligen Wettbewerben für Schul- und Hochschulbauten ausgewählt und verwirklicht hat, ist nicht so kompakt sichtbar, füllt aber ganze Architekturführer. Über das "steinerne Berlin" ist seit den neunziger Jahren viel gestritten worden. Zuletzt wieder - in einer kritischen Debatte, die der Tagesspiegel angestoßen hat.

Es gibt Merkmale, die auf eine große Zahl Berliner Neubauten zutreffen; unter anderem die Verkleidung mit Naturstein statt, wie manche es gerne gehabt hätten, Glas. Aber Glasfassaden gibt es auch hier, oder den Backstein, der beispielsweise in Hamburg obligatorisch ist, oder Sichtbeton oder, wenn auch zögerlich, Holz. Es gibt das angeblich verfemte Hochhaus, wie den im Endausbau befindlichen Hotelturm am Zoo. Es gibt neue Wohnquartiere wie in Spandau oder Rummelsburg. Es gibt neue Formen des Geschosswohnungsbaus überall in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichhain, wo es galt, Baulücken zu schließen. Es gibt Experimente wie das Badeschiff in der Spree oder die Versöhnungskapelle auf dem Mauerstreifen. Es ist unmöglich, die Vielzahl gelungener Neubauten seit 1990 auch nur annähernd darstellen zu wollen. Wir beschränken uns auf eine Auswahl - subjektiv, eigenwillig, und doch in ihrer Gesamtheit schon wieder repräsentativ.

Unsere Autoren stellen ihre neueren Lieblingsbauwerke in einer Bildergalerie vor.

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