Leserdebatte : Braucht Berlin die Biermeile?

Auf dem Alex ist Alkoholgenuss verboten. Nicht weit davon entfernt dreht sich in Friedrichshain ein Straßenfest allein ums Bier. Ist das richtig? Diskutieren Sie mit!

Hannes Heine

Kinder, zwölf Jahre alt, landen nach Besäufnissen im Krankenhaus. Und 15-Jährige trainieren das sogenannte Komasaufen – der Fachstelle für Suchtprävention zufolge mussten 2008 deswegen 335 Jugendliche in Berliner Kliniken behandelt werden, 40 mehr als 2007. Viele Erwachsene wiederum wissen nicht oder wollen nicht wissen, dass ihr eigener Umgang mit Bier, Wein und Wodka für die im Sommer zumeist öffentlich stattfindenden Trinkgelage Vorbild sein kann.

Mehr als 1200 alkoholisierte Jugendliche sind 2008 von der Polizei aufgegriffen worden, ein Drittel mehr als 2007. Erst am Donnerstag hatten Beamte ein 14-jähriges Mädchen bewusstlos auf einer Straße in Charlottenburg liegend gefunden. Da die Abgabe von Alkohol – auch Bier – an Jugendliche unter 16 Jahre verboten ist, wird ermittelt, woher sie die Getränke bekommen hatte. In Berlin kann Alkohol auf öffentlichen Plätzen verboten werden. Am bekanntesten ist derzeit das Verbot auf dem Alexanderplatz, das dort das bei Jugendlichen beliebte Kampftrinken verhindern soll.

Zwei Kilometer weiter Richtung Osten ist am Freitag das 13. Internationale Berliner Bierfestival eröffnet worden. Am heutigen Sonntag läuft es noch von 10 bis 22 Uhr. 300 Brauereien aus 86 Ländern bieten dort mehr als 2000 Biersorten an – auf 2,2 Kilometern der Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor: Das Trinkfest heißt wegen der Ausdehnung des Geländes Biermeile.

„Am Alexanderplatz darf man sich mit Bier in der Hand nicht treffen, aber zwei U-Bahn-Stationen weiter betrinken sich zehntausende Menschen“, sagte die Jugendstadträtin des Bezirks, Monika Hermann (Grüne). An anderen Orten der Stadt seien die Behörden beim Auflösen öffentlicher Trinkgelage ziemlich eifrig, die Biermeile hingegen eine genehmigte Veranstaltung. „Die Politik ist widersprüchlich“, sagte Hermann. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagte dem Tagesspiegel, für ein Verbot der Biermeile gebe es keine Rechtsgrundlage. „Wir sollten uns lieber grundsätzlich fragen, welche Rolle Alkohol in unserer Gesellschaft spielt“, erklärte Lompscher. Erwachsene müssten einen viel verantwortungsvolleren Umgang mit Alkohol zeigen, Kinder ihn dann lernen.

Doch die Macher der Biermeile, sie erwarten 800 000 Besucher aus ganz Europa, haben vorgebeugt: Zusammen mit dem Friedrichshainer Gesundheitsstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) hat Festival-Geschäftsführer Lothar Grasnick alle auf der Karl-Marx-Allee vertretenen Brauereien aufgefordert, auf Flatrate-Angebote zu verzichten, das heißt unbegrenzt viele Getränke nicht für einen Pauschalpreis anzubieten. Solche Angebote locken vor allem Jugendliche.

„Im Vordergrund steht der Genuss, nicht das Besäufnis“, sagte Grasnick dem Tagesspiegel. Ein Sicherheitsdienst kontrolliere das Einhalten der Jugendschutzvorschriften und die Auflage, auch stark alkoholisierten Erwachsenen kein Bier mehr auszuschenken. Nicht verhindern ließen sich in der Nacht zu Sonnabend aber offenbar erste Schlägereien zwischen angetrunkenen Männern.

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