Leserdebatte : Braucht der Gendarmenmarkt wieder eine Schönheitskur?

Umgestaltet wurde der Gendarmenmarkt oft, doch er blieb bis heute umstritten. Jetzt sammelt der Senat Ideen für eine Neugestaltung. Was meinen Sie dazu? Diskutieren Sie mit!

Thomas Loy
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Platz im Wandel. Umgebaut und saniert wurde schon vieles am Gendarmenmarkt, Bauarbeiter erneuerten dort gerade erst wieder die...

Auf Fotos aus dem 19. Jahrhundert erinnert der „schönste Platz Europas“, wie der Gendarmenmarkt gern bezeichnet wird, an einen Trödelmarkt. E.T.A. Hoffmann blickte aus dem Fenster an der Charlottenstraße/Taubenstraße und beschrieb ein zügelloses Treiben: „Sonst war der Markt der Tummelplatz des Zanks, der Prügeleien, des Betrugs, des Diebstahls, und keine honette Frau durfte es wagen, ihren Einkauf selbst besorgen zu wollen, ohne sich der größten Unbill auszusetzen.“

Der Gendarmenmarkt war belebt vom Volk, das sich wenig um die prachtvolle Gebäudekulisse scherte. Heute sei der Platz „sehr steif“, geradezu „tot“, meint der vor kurzem in den Ruhestand verabschiedete Intendant des Konzerthauses Frank Schneider. Nicht, dass er sich einen Viktualienmarkt mit großmäuligen Marktweibern wünscht. Auch das vom Platz verbannte Oktoberfest vermisst er nicht. Schneider stellt sich ein zweites Montmartre vor, einen Ort für Maler und kunstsinnige Flaneure. Gerne mit Rasen und Springbrunnen, wie vor dem Krieg.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher schweigt zu der Frage, wie sie sich die Zukunft vorstellt. Erst mal sollen Ideen gesammelt werden. Dass der Platz schönheitschirurgische Eingriffe benötigt, steht für sie außer Frage. So sollten die Kabel für den Restaurantbetrieb und Stolperfallen im Pflaster verschwinden. Störend erscheinen ihr auch die niedrigen Ahornbäume auf der Nordseite.

Der Platz selbst hat schon viele Umgestaltungen über sich ergehen lassen. Begonnen hatte er als Reitplatz für die Gens d’armes des Soldatenkönigs, später fügte Friedrich der Große zwei Kirchen für die hugenottischen Einwanderer aus Frankreich und ein Komödientheater hinzu. Zwischen Militär und Neubürgern kam es bald zu Reibereien, wegen des Staubs und Gestanks. Erste Pflasterungen der Kirchvorplätze folgten.

Als das Komödientheater verkam, ließ Friedrichs Nachfolger ein Nationaltheater errichten, das 1817 Feuer fing. Baumeister Schinkel durfte ein noch prächtigeres Haus im klassischen Stil errichten, das Königliche Schauspielhaus. Der Platz blieb weiterhin ein Marktflecken. 1847 wurde er Schauplatz des „Kartoffelaufstandes“, eines Vorboten der Revolution. 1871 wird das Schiller-Denkmal eingeweiht. Um 1900 werden an den Flügelseiten des Schauspielhauses zwei Grünstreifen mit Rabatten und Springbrunnen angelegt; die den Markt kreuzenden Straßen werden gesperrt.

Ende der 20er Jahre machen sich Architekten wie Erich Mendelsohn und Peter Behrens an Entwürfe zur Neugestaltung, mit vielen parkähnlichen Elementen, doch mit den Nazis endet diese Phase abrupt. 1936 wird das Schillerdenkmal abgeräumt, und der alte preußische Appellplatz wiederhergestellt. Zu „Führers Geburtstag“ am 20. April treten hier die Knaben der Reichshauptstadt feierlich in die Hitler-Jugend ein.

Der Rest ist bekannt. Die DDR lässt ihre Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt einziehen, benennt den Platz um, für den Aufbau des kriegszerstörten Ensembles interessiert sich aber lange Zeit niemand. Das als Konzerthaus wiedererrichtete Schauspielhaus wird erst 1984 fertig. 1988 kehrt das Schiller-Denkmal zurück. In den 90er Jahren ist der Platz ein beliebter Ort für Filmaufnahmen und Events wie Classic Open Air, Eisbahn und Rockkonzerte.

Ada Withake-Scholz vom Förderverein für den Gendarmenmarkt findet, dass der „Salon der Stadt“, so wie er ist, gut funktioniert. Sie wünscht sich eine behutsame Reparatur, eine bessere Beleuchtung und eine nachhaltige Pflege der für sie unverzichtbaren Ahornbäume.

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