Leserdebatte : Nur noch Tempo 30 auf Berlins Straßen?

Die Grünen haben sich für Tempo 30 im Stadtverkehr erklärt, und auch die Verkehrssenatorin sieht im bedächtigen Fahren nur Vorteile. Ein Pro & Contra. Was halten Sie von einem Tempolimit in der Stadt? Diskutieren Sie mit!

von
Schnell mal bremsen. Tempo 30 würde solche Mahnungen zur Rücksichtnahme entbehrlicher, aber sicher nicht überflüssig machen. Foto: Günter Peters
Schnell mal bremsen. Tempo 30 würde solche Mahnungen zur Rücksichtnahme entbehrlicher, aber sicher nicht überflüssig machen. Foto:...Foto: Guenter Peters

Die Worte der Verkehrssenatorin waren deutlich: „Tempo 30 hat nur Vorteile in der Stadt, keine Nachteile“, schrieb Ingeborg Junge-Reyer (SPD) jüngst im Tagesspiegel. Zuvor hatten Hunderte im Online-Forum debattiert, ob in der Stadt künftig Tempo 50 nur noch ausnahmsweise gelten soll, etwa an Ausfallstraßen ohne direkte Anwohner. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesverkehrsministerium hat das in einem Gutachten zur Sicherheit ausdrücklich empfohlen.

Das CSU-geführte Verkehrsministerium wollte sich zu der Studie inhaltlich nicht äußern. Ein Sprecher verwies stattdessen auf den Spielraum der Städte. Den nutzt Berlin in Gestalt der Tempo-30-Abschnitte, die auf etwa 15 Prozent der Hauptstraßen gelten. Rund die Hälfte davon ist auf Nacht- oder Schulzeiten beschränkt. Die Stadtentwicklungsverwaltung plant keine weitere Offensive für Tempo 30, würde aber eine Bundesratsinitiative unterstützen, sofern eine Mehrheit in Sicht wäre. Der Deutsche Städtetag war mit demselben Anliegen bereits in den 1980er Jahren gescheitert.

Häufige Argumente gegen Tempo 30 sind: mehr Lärm und höherer Verbrauch wegen höherer Motordrehzahl, mehr Abgase und der Zeitverlust. In Zahlen: Bei freier Fahrt dauert ein Kilometer mit Tempo 30 zwei Minuten, bei Tempo 50 eine Minute und zwölf Sekunden. Für die BVG wäre der Zeitverlust etwas geringer, weil Busse und Bahnen selten konstant Tempo 50 fahren. Und bei normalem Stadtverkehr fährt auch ein Auto im Schnitt nur etwa 25 Stundenkilometer.

Die anderen Kritikpunkte sind dank geregelter Katalysatoren und elektronischer Kraftstoffeinspritzung hinfällig: Bei Tempo 30 im dritten Gang läuft der Motor mit etwa 1500 Umdrehungen ruhig, spritsparend und schadstoffarm. Bei Tempo 50 im fünften Gang arbeitet die Technik zwar genauso gut, aber Roll- und Windgeräusche machen das Auto deutlich lauter.

Den Sicherheitsgewinn zeigt eine Langzeitstudie aus London: Über 20 Jahre wurde der Effekt von 20-Meilen-Zonen (32 km/h) untersucht. Ergebnis: 42 Prozent weniger Unfallopfer. Noch stärker sanken die Zahl der verunglückten Kinder und die der schwer oder tödlich verletzten Personen. Macht 200 gerettete Menschenleben pro Jahr in London.

Der größte Sicherheitsgewinn ergibt sich aus der unvermeidlichen Schrecksekunde im Notfall: Während ein Autofahrer bei Tempo 30 nach knapp 14 Metern steht, fängt er bei 50 auf derselben Höhe erst an zu bremsen.

Während die Berliner Grünen den Tempo-30-Standard auf ihrem Parteitag vor einer Woche beschlossen haben, wirbt der Automobilclub ADAC für eine Hierarchie der Routen: Hauptstraßen sollen zügigen Autoverkehr ermöglichen, während Radler auf Alternativen wie gut ausgebaute Fahrradstraßen ausweichen. „Flüssiger Verkehr ist optimaler Verkehr“, sagt ADAC-Sprecher Jörg Becker.

Dass es nervt, auf freier Strecke mit Tempo 30 zu zuckeln, wissen auch die Studienautoren. Deshalb fordern sie „selbsterklärende Straßen“, die durch Breite, Verlauf und vibrierende Markierungen signalisieren, welches Tempo angebracht ist. Wer schneller fährt, soll sich durch „Diskomfort“ gestört fühlen, heißt es.

_________________________

Pro

Lärm ist ärgerlich und macht auf Dauer krank! Wie gut, dass sich schon mit einer einzigen Verordnung der Geräuschpegel erheblich reduzieren ließe: Tempo 30 – überall. Dann würden nicht nur die dröhnenden Motoren rasender Autos der Vergangenheit angehören, sondern auch viele Unfälle. Schnelles Autofahren ist im Straßenverkehr das Risiko schlechthin. Angenommen, ein Auto fährt 50 km/h und ein Kind springt 15 Meter davor auf die Straße, dann trifft es der Pkw immer noch mit 47 km/h, selbst wenn der Fahrer sofort bremst. Glauben Sie nicht? Fragen Sie einen Wissenschaftler. Unabhängig davon nimmt die Feinstaubbelastung bei Tempo 30 ab. Was also spricht für schnelleres Fahren? Eher am Ziel zu sein? Kaum. Denn wenn die Berliner es am eiligsten haben, auf dem Weg zur und von der Arbeit, hat sich Tempo 30 ohnehin durchgesetzt. Ob Heerstraße oder Karl-Marx-Allee: Da stehen dann alle Stoßstange an Stoßstange. Hannes Heine

Contra

Wenn die Tempo-30-Regel für Nebenstraßen, vor Schulen oder an Unfallschwerpunkten gilt, ist das akzeptabel. Nicht tolerabel aber ist die Schneckengeschwindigkeit als Regel. Psychologisch betrachtet ist Tempo 30 für Motorisierte gefühlt viel zu langsam, gefahren wird sowieso um fünf bis zehn km/h schneller. Man verliert auch viel Zeit, die nicht aufgeholt wird. Denn Tempo 30 muss dann auch für Busse, Straßenbahnen und rasende Fahrradfahrer gelten. Dessen Einführung dient nur einem einzigen Zweck: Sie soll den Autofahrern die Fortbewegung schwerer machen. Auch wenn es kein Politiker zugeben würde: Tempo-30-Zonen eignen sich gut als exzellente Einnahmequelle. Der staatlichen „Wegelagerei“ wären dann keine Grenzen mehr gesetzt. Warum bezieht man stattdessen nicht Autos in den Emissionshandel ein und verlangt Klimaabgaben? Das wäre nachhaltiger und ein richtiges Zeichen – statt Autofahrer mal wieder zu gängeln. Sabine Beikler

Was halten Sie von einem Tempolimit in der Stadt? Diskutieren Sie mit!

157 Kommentare

Neuester Kommentar