Leserdebatte : Sollen Spielhallen in den Bahnhof Zoo einziehen?

Das Zentrum des alten West-Berlin tut sich schwer, attraktiv zu wirken. In den Bahnhof Zoo sollen jetzt zwei Spielhallen ziehen. Wie denken Sie darüber? Diskutieren Sie mit!

Christian van Lessen

Am  Bahnhof Zoo tickt’s gerade nicht richtig. Wenn die große Uhr am Bahnhofsgebäude auf dem Hardenbergplatz um Punkt 11 Uhr – zu bester Zugabfertigungszeit – erst 23 Minuten nach acht zeigt, dann macht das auf Passanten keinen guten Eindruck. Es ist nicht so, dass hier die Zeit stehengeblieben ist oder alle Uhren langsamer gehen. Die Bahn ist auch bemüht, das Gelände mit Umbauten dem heutigen Bedarf anzupassen – nur hat sie die Uhr wohl aus den Augen verloren. Dafür plant sie im Inneren des Gebäudes die Einrichtung von zwei Spielhallen. Der Bezirk und etliche Händler sind dagegen. Sie fürchten, die Zeit des Bahnhofs werde zurückgedreht ins einstige, sehr hartnäckige Schmuddel-Image.

Die rund 300 Quadratmeter für Spielhallen sollen auf der Fläche des einstigen Postamtes geschaffen werden. Wer hier durch das hintere Bahnhofsgelände an den über Dutzend leeren Telefonnischen entlangwandelt, bekommt in der kalten, gefliesten Umgebung leichtes Grausen. Er wünscht sich geradezu, dass hier Leben einzieht, um die verwaisten, dunklen Ecken aufzufrischen. Spielhallen könnten hier das Areal zumindest beleben. „Dann kommt aber wieder das Kroppzeug her“, schimpft eine Händlerin, und eine Kundin stimmt ihr zu.

Ihre Namen wollen die Geschäftsleute ungern nennen, sie sind Mieter der Bahn. Sie loben, dass es mit dem Umbau rund um die Haupthalle schöner und gepflegter geworden ist, da passten Spielhallen nicht hin. Sie hoffen, dass mit dem Neubau des „Zoofenster“-Hochhauses schräg gegenüber samt Waldorf Astoria Hotel mehr Leute als bisher durch den Bahnhof kommen. „Waldorf Astoria“ – der Name hat im Augenblick mehr Klang als der des geplanten Aussichtsrades. Vielleicht könnten dann auch wieder ICE-Züge halten, sagen Geschäftsleute. Seit mehr als drei Jahren fahren die Züge vorbei. Der Schock sitzt hier noch immer tief.

Die Gegend aber ist wieder mit so viel Hoffnungen befrachtet, seit Investoren nicht nur Projekte ankündigen, sondern wirklich mit Baumaschinen anfahren. Selbst am Sonnabend wird an Fundamenten und Tiefgaragen des Zoofensters gearbeitet, auch am Schimmelpfeng-Haus, das für das Projekt „ Zoo Triangle Berlin“ abgerissen werden soll. Viel spricht man im Bahnhof von Aufwertung, das Wort „Spielhalle“ wirkt wie eine unerwartet kalte Dusche. Bis 2012, prophezeit Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU), werde rund um den Bahnhof auf einer Fläche von weniger als einem Quadratkilometer eine Summe von einer Milliarde Euro investiert. Da steckt das Riesenrad mit drin, das mit einem vergleichsweise kleinen Bauschild auf einem Zaun an der Hertzallee auf sich aufmerksam macht. Auch gibt es seit langem den Plan einer privaten Tiefgarage unter dem Hardenbergplatz. Noch aber tut sich das Zentrum der City-West schwer, attraktiv zu wirken. Die Passage zwischen Kant- und Hardenbergstraße, zwischen Bahn und neuem Parkhaus ist ein besonders trauriges Beispiel. Sie ist von Leerstand gesäumt. Hier sollte es nach Planungen von 2002 sogar Cafés geben. Daraus wurde nichts. Der Vermieter bietet die Läden „Lebensmittelbetreibern mit internationalen und regionalen Produkten“ an.

Damals erwarteten die Stadtplaner auch, dass in zwei Jahren das Zoofenster in die Höhe wachsen könnte, und auch ein Hochhausprojekt am Breitscheidplatz namens „Atlas“. Es gab die Hoffnung, dass sich am „Bikinihaus“ neben dem Zoo-Palast eine Wandlung zum Besseren vollzieht und etwa auch ein Themenhotel in Verbindung mit dem Zoo entsteht. Die Pläne sind nicht vom Tisch. Inzwischen ist längst der Autotunnel zugeschüttet, mit der Umgestaltung der Tauentzienstraße soll im nächsten März begonnen werden. „Aufwertung“ lautet auch hier das Zauberwort. An der bekanntesten Ecke der City-West, der Kreuzung Joachimstaler Straße/Kurfürstendamm, leiden aber viele Passanten noch immer unter einer gefühlten Abwertung.

Das Kranzler-Straßencafé, zum Telefonladen mutiert, hat Phantomschmerzen hinterlassen. Wenn  Leute die Fassade des Altbaus gegenüber hochblicken, sehen sie auf dem Dach die nutzlosen Halterungen früherer Lichtreklamen. Einst funkelten hier, weltweit auch als Postkartenmotiv bekannt, die Marken Cinzano, Graetz oder Nokia ins Stadtbild. Übriggeblieben ist nun stählernes Gerümpel als hässlicher Anblick.

Den Blick von dieser Ecke aus in Richtung Bahnhof Zoo bis ins Hansaviertel flankiert das „Lighthouse“ an der Kantstraße, das in peinlicher Transparenz viel von seinem Leerstand preisgibt.

Vor allem aber ist es die große Bahnhofshalle, die hier noch das Stadtbild bestimmt, bevor Zoofenster und Riesenrad alle Blicke auf sich ziehen. Der Bahnhof, sagen Händler, sei eine sensible Angelegenheit. Vielleicht schon zu sensibel geworden, um Spielhallen zu verkraften.

Seine Außenuhr war für Genauigkeit berühmt, unter ihr verabredete sich, der Legende nach, die halbe Stadt. Jetzt ist hier zumindest die Zeit zurückgedreht.

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