Leserdebatte : Sollen Tiernummern in Zirkussen verboten werden?

Tiernummern im Zirkus provozieren regelmäßig Proteste, weil die Elefanten, Löwen, Tiger dort angeblich nicht artgerecht leben. Wie denken Sie darüber? Diskutieren Sie mit!

Daniela Martens
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Jenseits der Wildnis. Tierschützer sehen in der Manege keinen geeigneten Ort für Löwen, Tiger oder Elefanten. Auch der in...ddp

Colonel Joe duscht. Nicht mit Wasser aus der Brause, sondern mit Sand, den er mit seinem Rüssel aufhebt und dann über Kopf und Rücken rieseln lässt. Bei der Sanddusche können Besucher zusehen, wenn sie den „größten Elefantenbullen der Welt" in seinem Gehege neben dem Zelt des Circus Krone auf dem Festplatz an der Zehlendorfer Clayallee besuchen.

Dass Colonel Joe und die sieben anderen Elefanten im Moment in Berlin gastieren, hat Tierschützer in Aufregung versetzt. „Das Leben im Zirkus ist für viele Tiere ein Qual“, sagt Thomas Schröder, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes. Mehrere Organisationen, Politiker und der Berliner Tierschutzbeauftragte Klaus Lüdcke fordern schon seit Jahren ein Verbot für Wildtiere im Zirkus – für Elefanten und Löwen, wie sie auf der Festwiese in Zehlendorf zu sehen sind, und auch für Bären, Affen und Tiger, die dort nicht mit von der Partie sind.

Den meisten Tierschützern geht es wie Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) um eine bundesrechtliche Regelung. Schon vor fünf Jahren gab es eine Bundesratsinitiative zu diesem Thema. Im vergangenen Jahr trat eine Zirkusregisterverordnung in Kraft: Alle Zirkusbetriebe in Deutschland werden in einem Zentralregister erfasst, damit Tierschützer verfolgen können, wie sie ihre Tiere halten.

Doch das geht vielen nicht weit genug. „Man müsste für die Zukunft in Berlin beschließen, dass wir keine Wildtiere im Zirkus mehr sehen wollen“, sagt Klaus Lüdcke. Er fordert vom Abgeordnetenhaus einen „Appell an die Bezirke – als Richtschnur“: Sie sollen in jedem Einzelfall den Zirkussen eine Absage erteilen. Ein wirkliches Verbot könne man auf Landesebene hingegen nicht durchsetzen, sagt Lüdcke. Gerade hat der Senat aber die Verordnung zur privaten Haltung gefährlicher Wildtiere verschärft. 50 000 Euro Strafe muss nun zahlen, wer illegal Bären, Wölfe, Vogelspinnen und Giftschlangen hält.

Um Argumente für ein Wildtierverbot im Zirkus zu sammeln, haben in der vergangenen Woche elf Tierschützer von verschiedenen Organisationen drei Tage lang auf dem Gelände an der Clayallee gefilmt und fotografiert. In 700 Fotos und 20 Videoclips dokumentieren sie den Tagesablauf der Tiere zwischen 10 und 18 Uhr: Zwei der Elefantengehege seien nicht groß genug, und mit vielen Tieren werde zu wenig trainiert, sagt Mahi Klosterhalfen, Sprecher der „Iniatiative für ein Wildtierverbot in Zirkussen“. Auf deren Homepage ist ein Video zu sehen, in dem mehrere Elefanten in ihrem Stallzelt bei Krone wie in Trance Köpfe und Rüssel hin- und herschwenken – eine Verhaltensstörung, die Experten „weben“ nennen. Auch die Tierrechtsorganisation Peta hat ähnliche Videos veröffentlicht und Anzeige gegen den Circus Krone erstattet. Der wiederum hat sich mit einer Anzeige wegen Verleumdung revanchiert: „Die verbreiten die Unwahrheit, dass wir die Tiere nicht artgerecht halten“, sagt Zirkussprecher Frank Keller.

Die „Initiative für ein Wildtierverbot in Zirkussen“ hat Fotos und Filme nun an den zuständigen Amtstierarzt, Damian Nowak, weitergeleitet. „Wir hoffen, dass er ein Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten einleitet“, sagt Klosterhalfen. Doch Nowak kann an den Bildern und Filmen „nichts Tierschutzwidriges“ erkennen. Und bei bislang vier unangemeldeten Kontrollen im Zirkus selbst habe er nur „kleinere Mängel“ festgestellt, die der Zirkus sofort behoben habe. Er findet nicht, dass die Tiere dort zu wenig Platz und Training hätten. Stattdessen lobt er besonders die Elefantengehege, weil es dort Steine, Äste und Sand gebe, um die Tiere zu beschäftigen: „Ich bin doch etwas verwundert über die Aktionen der Tierschutzorganisationen.“ Die Verhaltensstörung einiger Tiere sage nicht unbedingt etwas über ihre aktuelle Haltung aus, sagt Nowak. Wenn die Tiere dieses Verhalten einmal an den Tag legten, dann für immer – auch wenn die Ursache seit Jahren beseitigt sei. „Ich habe schon webende Elefanten in riesigen Zooanlagen gesehen.“ Den Tieren gehe es im Circus Krone im Allgemeinen gut. „Da gibt es in Deutschland ganz andere Tierschutzwidrigkeiten, die kaum wahrgenommen werden“, sagt Nowak. „40 Millionen Schweine werden gequält, bis sie auf dem Schlachthof sterben: Ein Schwein hat normalerweise weniger als einen Quadratmeter zu Verfügung.“

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