Leserdebatte : Stellen Sie sich vor, Sie wären Karstadt

Nach der Insolvenz von Karstadt kommt vielleicht das Ende der Kaufhauskultur. Sollten wir in Nostalgie schwelgen oder uns vom Warenhausprinzip verabschieden? Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

David Hugendick
Karstadt
Ausgebremst. Wie sähe die Stadt ohne Kaufhäuser aus? -Foto: dpa

BerlinMuschelkalk. Wie das schon klingt. Will man wissen, wie es um die Substanz des Hauses bestellt ist, wird man im vierten Stock fündig. Der Schaukasten neben der Cafeteria erzählt sperrig von grundsolider Baukunst: Muschelkalk auf Eisenbeton, annodazumal 1929. Doch langsam! Nennen wir den Ort Karstadt, nennen wir die Stadt Berlin, Bezirk Neukölln. Und beginnen wir unten, wie es sich im Kaufhaus gehört.

Dort sagt eine Frau zur anderen: "Stellen Sie sich vor, Sie wären Karstadt!" Sagt die andere: "Alles eine Frage der Perspektive."

Zunächst diese: Wer nach langer Zeit mal wieder ein Kaufhaus betritt, wird erst einmal müde. Die Luft, die Wärme. Von oben juckt Phil Collins im Gehörgang; von vorne kratzen Wolfgang Joops und Bruno Bananis Parfümgewitter an den Schleimhäuten. Wen schon an der Glastür die Nostalgie packt, sei gewarnt: Wer hier zu tief seufzt, muss leider husten. Aber in diesen Tagen liegen die Sorgen tiefer. Karstadt ist insolvent. Das Prinzip des Kaufhauses für tot erklärt.

Nun, stellen Sie sich vor, Sie läsen keine Zeitung. Sie hätten die Stanze von der "angeschlagenen Kaufhauskette" noch nie gehört. Ignorieren Sie das bleierne Moll über den Kassen und die Schilder, die vom Verlust Tausender Arbeitsplätze kreischen. Schauen Sie sich um, das macht wach.

Die Warenpalette. Was für ein Wort. Etagenweise liegt es verteilt auf 31.000 Quadratmetern. Unten Schreibblöcke, Bücher, Nähgarn, Stifte, Süßigkeiten, Haarspangen, Kämme, Ausweishüllen, Grußkarten, Nadeln, Klebefilm, Kalender. Rolltreppe hoch. Pfannenwender, Töpfe, Stoffe, Bettzeug, Gardinen, Damenoberbekleidung. Höher! Musik, Computer, Fernseher, Playmobil, Spiele, Herrenbekleidung, Fußballschuhe, Fahrräder. Ganz oben: das Restaurant! Was vergessen? Bestimmt.

Im Grunde ist es ein schönes Wort: Kaufhaus.

Früher, als es seinen Namen bekam, war man stolz. Über eine Konsumidylle, die merkantile Fantasien beflügelte. "Ein großes Gedicht der Auslagen" schwärmte einst Balzac über die wachsende Pariser Passagenkultur, als das Kaufhaus noch auf der Straße war. Oder stellen Sie sich vor, Sie wären Émile Zola und schwelgten: Was die Dampfmaschine für die moderne Industrie war, sei das Kaufhaus dem Handel. Das Paradies der  Damen, sein knapp 600 Seiten langes Kaufhausepos, erschien 1883. Ganz schön lang her.

Und was danach kam! Die Erfindung der Plastiktüte, des Schlussverkaufs und Schnäppchenmarkts. Zum Beispiel. Und eine goldene Erinnerung an Zeiten, da man alles, aber auch wirklich alles auf fünf Etagen kaufen konnte: Tennisschläger, eierschalenfarbene Wolle und Thermobindegeräte – alles kam in eine Tüte gleicher Farbe und Aufdrucks. Und wie viele gefahrene Rolltreppenkilometer liegen zwischen dem Schwarz-Weiß- und Farbfernseher?

Seither ist viel passiert. Stellen Sie sich vor, Sie wären Filialleiter und müssten nun die Tage in Sitzungen verbringen, in einem schmucklosen Büro und verwalten, vermitteln, erklären, was beschlossen wurde und Sie nicht ändern können. Und dann käme da dieser Reporter, Hemd, Jeans, noch ein bisschen jung – jetzt, gerade jetzt, wo doch alles schon im Fernsehen läuft, drüben in der TV-Abteilung. Zwanzig Bildschirme Seifenoper, einer N-TV, "Angela Merkel: Insolvenz ist auch eine Chance."

Ein Stockwerk tiefer steht Gisela Bartz, 58, seit 21 Jahren Damenoberbekleidungsverkäuferin, seit 21 Jahren in der Neuköllner Filiale und will es noch nicht glauben. Viele Stunden verbrachte sie in den vergangenen Tagen auf der Straße, hielt Mahnwache, sammelte Unterschriften. "Karstadt, das ist ein kleines Herz Deutschlands", sagt sie. Stellen Sie sich vor, Sie wären vorbei gelaufen: Hätten Sie unterschrieben?

Gisela Bartz’ Reich ist ein Garten, in dem Blumen auf Blusen blühen. Hunderte Quadratmeter, auf denen Bügel Kleiderstangen umklammern und man für das, was an ihnen hängt, kaum Wörter findet, die nicht so klingen, wie Damenoberbekleidungsverkäuferinnenjargon häufig klingt: modisch, adrett, topmodern, und, hossa!, auch mal flippig. Derzeit voll im Trend: Kurztrenchcoats in Lila. "Hauptsache grell", sagt Bartz.

Von Postern blicken stählern lächelnde Frauen auf sie herab. Sie bewerben bunte Jeans und bunte Westen. Ihnen zu Füßen stapeln sich sorgsam gefaltete T-Shirts und andere Oberteile, deren Namen schon seltsam vom Kauf abraten: Jessica, Desiree und Gina. Wenn man über Kaufhäuser redet, muss man auch über diese Momente reden, in denen sie den Anschluss verpasst haben.

Die Konsumwelt wuchs, doch die Kaufhäuser blieben stehen. In einem Markt, der sich ausdifferenziert, wurde es schwerer, sich zu behaupten. Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Waschmaschine, Energieklasse A, Fleckensensor, Aquastopp, 599 Euro. Angenommen, Sie stünden aufgebockt in der Großelektroabteilung und – viel wichtiger – könnten denken. Sie würden sich fragen: Warum stehen hier nur vier Modelle?

Das Versprechen, von allem etwas zu haben, geriet allmählich zur Gewissheit des Käufers, Entscheidendes dort nicht zu finden. Es blieben die alten Stammkunden, die ans Kaufhaus gewöhnt und vom ihm konditioniert waren. Die Kunden, die Gisela Bartz seit 20 Jahren kennt, und in diesen Zeiten häufiger vorbeikommen als zuvor, sagt sie. Sie fragen nach. Schließlich sei es ihr Treffpunkt. Immer gewesen.

Aber es wäre unfair, Kaufhäuser wegzuerklären als etwas Anachronistisches. Etwas, was in eine Welt nicht mehr hinein passt, in der alles per Mausklick nach Hause kommt und die Gleichung  "Zeit ist Geld" uns keinen Raum lässt, fünf Rolltreppen zu überqueren nur für eine schnöde Fahrradpumpe. Es wäre traurig, würde man das Kaufhaus in die Liste vergessener Dinge einsortieren, ein Klebebildchen im Geschichtsbuch zwischen dem Warmbadetag und Schaufensterbummel. Vielleicht bleiben uns ein paar erhalten.

Und stellen Sie sich sonst vor, Sie erzählten ihren Ur-Ur-Ur-Enkeln aus diesen Zeiten. Von der großen Verheißung, alles unter einem Dach zu finden. Erzählen von den hysterischen Pärchen am Wühltisch. Von den Omas, die mettfarbene Büstenhalter kaufen. Von den Stapeln aussortierter Fußballschuhe. Von den gerahmten Ölkrisen in der Bettenabteilung. Vom festbeleuchteten Konsumklotz, ob aus Waschbeton oder Muschelkalk, der mehr Strom fraß als eine mitteldeutsche Kleinstadt. Und vom Blick, der sich von da oben bot, während man seinen Erdbeerkuchen vom Resopal aß, umschwebt von schwüler Spülmaschinenluft. Man könnte es vermissen.

Aber das ist freilich alles eine Frage der Perspektive.

ZEIT ONLINE

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