Leserdebatte : Weltstadt mit Schnauze?

Ist Berlin so freundlich wie seine Imagekampagne? Nicht immer. Der Alltag sieht anders aus. Doch müssen sich die Berliner ihre große Klappe verbieten lassen? Gehört das nicht zum Charakter unserer Stadt? Diskutieren Sie mit.

Stephan-Andreas Casdorff

Berlin, Weltstadt mit Herz. Und Schnauze. Manchmal vor allem das. Wohl dem, der es richtig versteht. Drei Beispiele einer Woche.

Das erste. Es ist starker Morgenverkehr. Beide Spuren in einer Richtung sind zu. Da vorne rechts ist eine Möglichkeit abzuzweigen, den Stau zu umgehen, die Baustelle um die Ecke herum auch. Einmal kurz über die Busspur und dann… Ach du je, die nächste ist es, also weiter. Und da ist die Polizei im Rückspiegel. Sie fordert zum Stoppen auf. Um die Kurve herum, dann angehalten. Der Polizist nähert sich energischen Schrittes. Fenster herunter. Lächeln, freundlich. Der Polizist: "Fahrzeugschein und Führerschein. Sie wissen, was Sie getan haben?" So geht es los und so geht es weiter, in diesem Ton. Kein "Guten Tag", keine Anstalten, sich anzuhören, warum, kein Interesse an Erklärungen, nur: "Ich werde das zur Anzeige bringen." Und dass man den Fahrradfahrer auch noch übersehen habe. Nee, das kann nicht sein. "Wenn Sie mich einen Lügner nennen …" Nein, nein, das habe ich nicht gesagt, und Worte sind mein Beruf und - der Polizist hört nicht zu, ist allein, übel gelaunt. Wie eigentlich er heiße, woher er komme, auch auf diesen Satz reagiert er ungehalten, "ich muss Ihnen nur meine Dienstnummer geben", ach ja, dann möchte ich sie haben. Und den einen Satz noch sagen. Nein, nicht den, dass sie nie die kriegen, die mit achtzig Sachen über die Straßen brettern; nein, auch nicht den, dass sie sich lieber um die kümmern sollen, die die Autos anzünden. Nur den: "Sie sind als Polizist auch mein Freund und Helfer, nicht nur mein Scharfrichter, oder?" Aber den zweimal. Ach ja: Die Busspur ist ab neun Uhr frei für den übrigen Verkehr, um die Ecke herum sowieso, weil da die Baustelle ist, und es ist doch bald neun …

Das zweite Beispiel. Zwei junge Männer kommen in ihrem Golf vor das Café gefahren, parken auf einem regulären Parkplatz, gehen hinein, stehen an, holen zwei Kaffee. Zwei Minuten, drei Minuten, vier? Gleichviel, die Frau vom Ordnungsamt schreibt sie auf. Hingerannt und gefragt: "Kann ich helfen? Ich bin Zeuge, dass die beiden nur zwei Minuten…" Antwort: "Interessiert mich nicht." Wie bitte? Der eine von den beiden schaut ungläubig auf sein Ticket. "Aber die haben doch nur …" "Er hat auch keine Umweltplakette", sagt die Frau und beschwert sich ihrerseits über den Ton. Er bekommt auch noch einen Punkt. In Flensburg. Die beiden sind gerade eben aus Hamburg angekommen, das war ihr erster Stopp. "Interessiert mich nicht", sagt sie und geht. "Sie können sich ja beim Ordnungsamt beschweren."

Das dritte Beispiel. Die Gänge im Standesamt sind gähnend leer, das eine Zimmer ist es auch. Versuch beim nächsten. Sacht angeklopft. Gewartet. War da ein "Herein"? Zwei Frauen sitzen einander gegenüber. Keine sagt was. Nur die rechte schaut hoch, fragend. Keine sagt was. Also, wir wollen einen gemeinsamen Ehenamen, haben in den USA geheiratet und das jetzt hier eintragen lassen. Hier sind alle Unterlagen. Die Frau studiert die Papiere, die Apostille aus Amerika. Sagt erstmal nichts. Und dann, dass sie eine Übersetzung braucht. Bitte? Diese Auskunft gab es nicht am Telefon. Man könne ja nicht erwarten, dass alle Englisch sprächen, schnappt da die andere Frau, die gegenüber. Das war die vom Telefon. Die meisten seien Französisch und Russisch geschult, sagt sie. Nachfrage: Wenn das jetzt also auf Französisch oder Russisch wäre, dann wäre es kein Problem? Doch, dann auch, sagt die Frau. Immerhin erklärt sich eine bereit, Kopien der anderen Unterlagen zu machen.

Nachspiel: Telefonanruf. Wie es denn sein könne, dass eine andere Behördenstelle sage: "Lassen Sie sich nicht einreden, Sie bräuchten eine Übersetzung", und sie sage, dass die doch nötig sei? Die Frau fragt, wer das gesagt habe. Antwort: Das muss ich Ihnen nicht sagen. "Ja, wenn Sie es mir nicht sagen … Ich kann nur sagen, dass das falsch ist." Es geht hin und her. Sie zitiert einen Passus aus dem Gesetz. Das sagt, es "soll" eine Übersetzung verlangt werden, nicht es "muss". Eine Soll-Bestimmung, keine Muss-Bestimmung, richtig? Und weil sie im freien West-Berlin kein oder nicht ausreichend Englisch spricht, auch keine Anstalten macht, einen zu finden, der weiterhelfen kann, kein nettes, verbindliches Wort findet, immerhin ist hier ein Standesamt, wo die Liebe beurkundet wird … Sie sagt: "Wir beurkunden Ihre Liebe nicht." Ja, natürlich nicht, und sie machen aus einem Akt der Liebe einen bürokratischen Akt. Und interessieren sich nicht, und ihr Ton. "Wenn ich mich im Ton vergriffen haben sollte, entschuldige ich mich …" Nein, nicht vergriffen, sie haben ihn nicht getroffen. "Sie können mich vom Amtsgericht anweisen lassen, dass ich Ihnen ohne Übersetzung…" Also einen zweiten bürokratischen Akt? "Sie kosten mich Zeit", sagt sie. Nein, Sie mich meine! Außerdem kostet Ihr Verhalten mein Geld. Da kann ich nur sagen, hier sollte besser keiner heiraten. Da wird man ja fürs Leben frustriert.

Zu guter Letzt: Es gab einen Termin. Und Freundlichkeit. Na, geht doch!

Willkommen in Berlin, der Weltstadt. Mit Herz. Und Schnauze.

Was denken Sie: Sollten die Berliner freundlicher werden oder gehört die Berliner Schnauze zum Charakter der Hauptstadt? Sollten wir mehr an die Touristen und die Tourismusbranche denken? Oder kann es uns egal sein, was der Rest der Welt denkt. Wann sind Sie das letzte Mal auf eine typische Berliner Schnauze gestoßen? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte. Nutzen Sie die Kommentarfunktion und diskutieren Sie mit.

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