Leserdebatte zum BER-Debakel : Stresstest für die Entrauchungsanlage - Wowereit hat frei
24.07.2012 08:30 UhrAnwohner und Ladenbetreiber warten ebenso gespannt
BEATRICE POSCH
Die 40-jährige Einzelhändlerin ist in den Urlaub gefahren. Neue Ware für ihr Spielzeuggeschäft „Die kleine Gesellschaft“ hat sie vorerst nicht bestellt. Sie hat das schon einmal getan – für den 3. Juni und mehr als 6000 Euro Stornierungskosten dafür bezahlt. Das ist viel Geld für Beatrice Posch, die zwei weitere kleine Spielzeugläden in Berlin betreibt und für das neue Geschäft am Großflughafen einen Kredit aufnehmen musste. Vielen der Händler und Gastronomen, die sich am Flughafen ansiedeln wollen, geht es wie ihr. Eine nochmalige Verschiebung des Eröffnungstermins würde zwar die Schäden und Verluste für sie erhöhen, ihnen aber zugleich neue Chancen eröffnen. Das meint zumindest der Vorsitzende des Berliner Anwaltsvereins, Ulrich Schellenberg: „Der März-Termin wurde ja auch gewählt, weil da angeblich noch die sogenannte 18-Monatsklausel galt, wonach bei Verschiebung des Eröffnungstermins von bis zu 18 Monaten keine Entschädigung eingefordert werden kann. Eine nochmalige Verschiebung läge in jedem Fall jenseits der 18 Monate.“
HORST TITIUS
Eigentlich sollte er schon seit 2007 einen geschlossenen Flughafen vor der Haustür haben. Darauf hat Horst Titius, der seit 46 Jahren in der Reinickendorfer Meteorstraße wohnt, gehofft. Jetzt hofft der 68-Jährige schon lange nichts mehr. „Wie oft Wowereit und die anderen mich mit der Schließung von Tegel belogen haben – ehrlich, mein Arzt verschreibt mir schon Medikamente, damit ich mich nicht zu sehr aufrege.“ Horst Titius wohnt seit 45 Jahren in der Meteorstraße sehr nah am Flughafen Tegel, seine Schwiegereltern haben das Haus gebaut – lange, bevor es hier einen Verkehrsflughafen gab. Nach zwei, drei Jahrzehnten mit ständigem Fluglärm ist Horst Titius krank geworden und musste in Frührente gehen. „Wenn ich das Geld hätte, wäre ich längst weg von hier und weg aus Berlin“, sagt er: „Ich wollte an diesem 3. Juni endlich die Schließung von Tegel feiern, und nun wird es wahrscheinlich nicht einmal im März.“ Hinzu komme, dass durch die Aufstockung der Flüge von und nach Tegel alles noch schlimmer geworden sei: „Die fliegen viel häufiger und bis 24 Uhr und danach kommen noch Postmaschinen“, sagt er: „Ich muss mit Kopfhörern im Garten sitzen. Vielleicht ist es denen im Aufsichtsrat ja schnuppe, ob der Termin im März nochmal verschoben wird, aber für mich und meine Gesundheit zählt jeder Tag.“
Kopfschütteln über BER-Debakel
JOACHIM QUAST
Der Friedrichshagener engagiert sich in der gleichnamigen Bürgerinitiative, seit die Flugrouten über den Müggelsee bekannt wurden. Auch an diesem Wochenbeginn trifft er sich mit tausenden Gleichgesinnten zur traditionellen Montagsdemonstration. „Wir könnten uns zwar freuen, wenn sich die Eröffnung noch einmal verschiebt“, sagt er. „Aber Häme liegt uns fern, zumal es das Geld aller Steuerzahler ist, dass hier verbraten wird.“ Angesichts des „bisherigen Diletantismus der Flughafenbauer“ rechnet Quast fest damit, dass der Test am Dienstag nicht bestanden wird. „Dann wird es Zeit darüber nachzudenken, den Bau ganz zu lassen“, sagt er: „Umnutzungskonzepte gibt es ja bereits. Und wenn es noch teurer wird, geht die Flughafengesellschaft sowieso pleite.“
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