Berlin : Lest Dickens!

-

Andreas Conrad über

die Metaphorik der Bratwurst

Es gibt Romananfänge, die prägen sich einem umgehend ein. Zum Beispiel „Moby Dick“: „Call me Ismael.“ Oder „Die Blechtrommel“: „Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil und Pflegeanstalt.“ Zu den hierzulande unbekannteren Werken gehört „A Tale of Two Cities“ von Charles Dickens, aber dieser bedauerliche Umstand sollte sich jetzt schleunigst ändern. Der erste Satz geht nämlich so: „It was the best of times, it was the wurst of times.“ Will man mehr wissen in diesen glorreichen Gottschalk-Zeiten? Reicht dies nicht, um sofort zum nächsten Buchhändler zu eilen, in einer Hand noch die letzte, nun leider verkokelte Bratwurst, in der anderen die Geldbörse, um die Geschichte der beiden Städte erwerben, in der offenbar alles um die Wurst ging? Zwei Städte! Wie passend. War Berlin ja auch mal, ist noch gar nicht so lange her. Ist es für manchen immer noch, wenn er einmal quer durch die Stadt läuft, von West nach Ost oder umgekehrt. Aber in der Mitte brutzelt es zusammen, eigentlich täglich, aber besonders doch am Tag des Grillens, zu dem man den 22. Februar flugs erklären sollte. Ist solch eine Wurst nicht ohnehin eine schöne Metapher für das Zusammenwachsen dieser Doppel-Stadt? Je länger sie auf heißen Kohlen liegt, desto stärker krümmt sie sich, desto mehr kommen die beiden Enden einander näher. Dabei lässt sie selbst bunteste Vielfalt zu, ist wahlweise mit weißer Mayo, rotem Ketchup, gelbem Curry oder braunem Senf zu garnieren. Die vermeintlich so deutsche Bratwurst – das ist Multikulti pur. Und wenn man partout keine Lust mehr aufs Grillen hat, bleibt immer noch eine garantiert dunstfreie Zweitverwendung – als Wurstsalat.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben