Lesung : Die Vernunft der Unvernunft

Tagesspiegel-Redakteur Bas Kast las im Rahmen der Reihe "Zeitung im Salon" über die Kraft der Intuition.

Daniela Martens
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Wissenschaftsredakteur Bas Kast (hinten), Chefredakteur Lorenz Maroldt (Mitte) -Foto: David Heerde

So also sieht es aus, wenn der Verstand sich mal kurz verabschiedet: Die Augen des jungen Mannes sind starr nach vorn gerichtet, die Unterlippe zuckt unkontrolliert. Die blaue Badekappe gehört zwar zum Experiment, vervollständigt aber den Eindruck von allgemeinem Irrsinn. Der Kopf des Mannes im Profil nimmt die gesamte Leinwand ein, die zwischen den hohen Fenstern im Saal des Löwenpalais in der Grunewalder Koenigsallee hängt.

Unter der Leinwand ist derselbe Kopf noch einmal zu sehen – allerdings in normaler menschlicher Größe und vor allem mit intelligenterem Gesichtsausdruck. „Ich hoffe, dass ich heute einigermaßen bei Verstand bin“, sagt Bas Kast, Wissenschaftsredakteur des Tagesspiegels, Buchautor – und freiwilliges Versuchskaninchen aus dem kurzen Film. Der ist in einem Labor in Sydney gedreht worden. Dort hat sich Kast mit einem Magnetstimulator „einen Teil meines linken Gehirns“ lahmlegen lassen und die Erfahrung beschrieben – in seinem Buch „Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft – Die Kraft der Intuition“ (Verlag S. Fischer, 224 Seiten, 17,90 Euro). Das Buch, das er an diesem Abend bei der Lesung im Löwenpalais Tagesspiegel-Lesern vorstellt, handelt von Kasts Weltreise auf der Suche nach der Vernunft der Unvernunft. „Irrationales ist oft Klüger als die Ratio“, sagt er. In Sydney wollte er sich für kurze Zeit in „ein autistisches Genie“ verwandeln. Funktioniert hat das nur teilweise. Noch einmal würde er den Versuch nicht mitmachen: „So viel Verstand habe ich auch nicht, dass ich ihn ständig abschalten kann.“

Vielleicht kann das Mahl, das Birgitt Claus und die Firma Eßkultur passend zur Lesung servieren, da ein bisschen nachhelfen: Sie nehmen den Buchtitel wörtlich und servieren Gutes, damit der Bauch auch auf diese Weise „dem Kopf beim Denken helfen“ kann: Orangen-Karotten-Ingwer-Suppe mit viel Carotin und Vitamin C. Danach ein Gericht mit Curcuma. Das helfe gegen Alzheimer, sagt Birgitt Claus.

Anscheinend spornen die Vitamine die Gäste tatsächlich an. Sie schreiben eifrig kleine Geschichten zu den Bildern, die vor der Essenspause auf der Leinwand erscheinen: Ein Test, um die „Seele zu durchleuchten“. Bestimmte Schlüsselwörter und Motive sollen Unbewusstes zutage fördern, das sonst verdrängt wird. Wer bei dem Bild vom Kapitän und seinem Schiff sofort an eine Rekordatlantiküberquerung denkt, ist zum Beispiel sehr auf Leistung fixiert. Zuhörerin Ingrid Gooss hat in ihrer Geschichte den Wunsch nach zwischenmenschlichen Bindungen entdeckt. „Nach dieser Lesung ist man klüger als vorher“, sagt sie. Daniela Martens

Bas Kast liest noch einmal am 17. September um 19.30 Uhr in der Urania (An der Urania 17, Eintritt 5 Euro). Alles über die Lesungen im Tagesspiegel-Salon und die Auswertungen der Testtexte finden sich seit kurzem auf einer eigenen Internetseite unter www.tagesspiegel.de/salon

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