Berlin : Lesung mit Nudelauflauf

Susanne Kippenberger las aus ihrem Buch "Kippenberger – der Künstler und seine Familie"

Daniela Martens
Susanne Kippenberger
Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Kippenberger -

Nur eineinhalb Augen sind zu sehen. Die Nasenspitze und ein Ohr. Der Rest des Kopfes könnte einer Mumie gehören: Ein dicker weißer Verband umhüllt fast alles. Die eineinhalb Augen blicken zwar verquollen, aber ganz lebendig und etwas skeptisch von der großen Leinwand im Saal des Löwenpalais in Grunewald. Auf die wird das seltsame Selbstporträt des Künstlers Martin Kippenberger an diesem Abend projiziert. Unter der Leinwand sitzt eine zierliche Frau am Mikrofon. Susanne Kippenberger, jüngste Schwester des Künstlers und Redakteurin des Tagesspiegels. Sie berichtet, was es mit dem Bild auf sich hat: Martin Kippenberger, in den achtziger Jahren Geschäftsführer des Kreuzberger SO 36, brachte den Punk nach Berlin und wurde von seinen Gästen verprügelt. Der Grund: Er trug Anzüge, die mochten die Punks nicht. Das Bild nannte er ironisch „Dialog mit der Jugend“.

Susanne Kippenberger hat ein Buch über ihren Bruder geschrieben (Kippenberger – der Künstler und seine Familie, Berlin Verlag, 576 Seiten, 22 Euro). In der Reihe „Zeitung im Salon“ las und erzählte sie nun von ihrem Bruder – rund zehn Jahre nach seinem Tod. „Sicher, er war ein Provokateur, Enfant Terrible und Säufer. Aber auch großzügig, ein unermüdliches Arbeitstier und ein liebevoller Bruder.“

Auch ums Essen ging es oft in seinen Werken. „Der Nudelauflauf war der rote Faden auf dem Heimweh-Highway seines Lebens“, liest Susanne Kippenberger vor. Überall auf der Welt bestellt er ihn – mit dem Zusatz „wie bei meiner Mutter“. Und dann aß er ihn nicht, weil er nicht so schmeckte wie erwartet. Auch der Nudelauflauf, der in der Pause von der Firma „eßkultur“ serviert wurde, hätte vor seinen Augen wahrscheinlich keine Gnade gefunden: „Der war viel zu gut“, sagte Susanne Kippenberger nach dem Essen. Kein Problem für sie: „Ich hatte keine so innige Beziehung dazu wie er.“

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