Berlin : Lesungen: Es muss nicht immer Handke sein

Elisabeth Binder

Berlin ist eine laute Stadt. Musik. Smalltalk. Fetenrausch. Knisternder Exhibitionismus. Klirrende Klunkern. Draußen auf dem Lande kommt den Leuten Berlin zu den Ohren heraus. Wirkt schnell mal vulgär statt intellektuell, hedonistisch statt kontemplativ. Einerseits.

Andererseits muss man mal genau hingucken. Lesende beherrschen das Stadtbild. Man hört sie nicht, aber man kann sie sehen. Selbstvergessen hocken sie in lauen Nächten auf den Balkonen. Eng bedruckte Fracht mit Eselsohren lagert auf den Gepäckträgern der Fahrräder, die durch den Tiergarten kreuzen. Und es sind nicht nur Studenten, die sich auf dem Rasen in die nächste Seminararbeit einlesen. Angestellte, die nach der Lektüre von Bestsellern besser mitreden möchten, Ältere, die die Beute ihres letzten Bibliotheksbesuches betrachten, Kinder, denen Harry Potter beigebracht hat, dass Welt nicht nur im Computer ist.

Tagsüber trifft sich die Gemeinde der Leser auf Caféterrassen und in Restaurants. Ähnlich wie beim Kino kann der kollektive Genuss des temporären Ausstiegs aus der schnöden Wirklichkeit die Wirkung noch intensivieren. In den neuen Kulturkaufhäusern strecken sie sich in modernen Sofaecken oder in den hippen Buchbistros aus und blättern in den jungen Kultbüchern. Es stimmt einfach nicht, dass die Leute nur fern sehen, in den Computer stieren oder dumpf durch die Gegend schlurfen. Und sie tanzen auch nicht nur. Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem die Musik verklungen ist; dann macht sich der hunger nach geistiger Nahrung bemerkbar, der Kopf knurrt wie ein leerer Magen. Es muss nicht immer Handke sein. Aber es ist auch nicht so, dass sich alles auf Krimis oder aufs amerikanische Bestsellerformat wirft.

Der eigentliche Kompromiss zwischen dem lauten und dem leisen Berlin, den gesellschaftlichen und geistigen Bedürfnissen findet statt in einem boomenden Gewerbe: der inszenierten Lesung. Man kann nur staunen, wie groß der Andrang ist. Sich vorlesen zu lassen, ist eine seit vier bis fünf Jahren richtig heiße Mode, die aus Marketing-Erwägungen von den Verlagen kräftig gepusht wird. Iris Berben liest Simmel, Otto Sander tritt zusammen mit Meret Becker auf, um aus dem in der Liebespaare-Reihe von Rowohlt erschienenen Buch über Marilyn Monroe und Arthur Miller vorzutragen. Manchmal gibt ein Kammerorchester dem Lektüre-Event seine eigene Melodie.

Das Interesse an Lesungen hat in den letzten fünf Jahren immens zugenommen, hat Gisela Zieren vom Rowohlt-Verlag beobachtet. Für sie ist das "eine Form der Öffentlichkeitsarbeit, die langfristig etwas bringt". Zumal inzwischen ein regelrechter Wettbewerb ausgebrochen ist, Bücher an schönen Orten von Schauspielern lesen zu lassen. Literarische Salons setzen zusätzlich neue Standards. "Berlin ist ein besonders fruchtbarer Ort für Lesungen", hat Angelika Fessmann festgestellt. Mit ihrer Agentur "Kennzeichen F" hat sie sich auf Buchpräsentationen spezialisiert. Sie erinnert sich an Lesungen, zum Beispiel aus dem Buch "Papa, was ist ein Fremder?", die 1500 Leute angezogen haben. Das gutbürgerliche Publikum Berlins, Multiplikatoren zwischen 35 und 60, sind ihre eigentliche Zielgruppe. Besonders Frauen schätzen diese Inszenierungen - viele verschenken Bücher dann auch weiter. Manchmal gehen fünf Exemplare auf einmal über den Ladentisch. Dass sich ein Autor an den Tisch setzt und vorliest, reicht dem verwöhnten Publikum meist nicht mehr. "Jede Präsentation", sagt Angelika Fessmann, "hat ein eigenes Drehbuch." Mancher junge Held, der genügend Seiten zusammengeschrieben hat, stilisiert sich nebenbei in seinen Lesungen gar zum Pop-Star hoch. Kreischende Mädels inbegriffen.

Auch die tüchtigsten (Selbst-)Vermarkter brauchen ein gutes Umfeld. Was also ist es, das die Nachfrage nach Lesungen so groß macht? "Für viele ist das der Ersatz für den Kirchgang", diese Vermutung hört man besonders gern im literarischen Gedränge am Sonntagvormittag. Der eigentliche Grund dafür, dass diese Form der Veranstaltung gerade in Berlin so boomt, liegt woanders: Inszenierte Lesungen schaffen Deckungsgleichheit zwischen den Bedürfnissen des gesellschaftlich aufblühenden, auf viele zwischenmenschliche Begegnungsmöglichkeiten angewiesenen neuen Berlin und dem uralten Bedürfnis der Bürger einer an Kunst und Inspirationen reichen Stadt, geistig au jour zu bleiben. Das Lesen wird trotz aller Multiplex-Riesen nie aus der Mode geraten. Das Phänomen kennt jeder, der mal enttäuscht aus der Filmvorführung seines Lieblingsbuches gekommen ist: Nichts kommt den Bildern gleich, die bei der Lektüre im eigenen Kopf entstehen. Deren Wirkung ist nicht nur visuell. Sie können auch das Großstadttosen ringsum völlig ausblenden.

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