Berlin : Letzte Blumengrüße

Nach dem Staatsakt ehren nun die Bürger ihren ehemaligen Präsidenten Johannes Rau

Lothar Heinke

Die letzte Ruhestätte des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau ist leicht zu finden: Am Eingang des Dorotheenstädtischen Friedhofs in der Chausseestraße 125 in Mitte schließt man sich einfach den Menschen an, die nur ein Ziel haben: sein Grab. Geradeaus, dann hinter dem Martin-Luther-Denkmal nach links und wieder rechts zu der gelb gekachelten Mauer.

Am Mittwoch, einen Tag nach dem Staatsakt im Berliner Dom und der anschließenden Beisetzung im engsten Familienkreis, sind die Blumen, die die Grabstelle bedecken, noch frisch. Gleich vorn im Blumenmeer liegt der Kranz von Frau Christina und den drei Kindern Anna, Philip und Laura. Drei weiße Blüten sind in den Kranz gewoben, ansonsten leuchtet der letzte Gruß der engsten Familie in flammend-dunklem Rosenrot. Die SPD bleibt ihrer Tradition treu: rote Nelken. Klaus Wowereit hatte am Vormittag gemeinsam mit Christina Rau das Grab des Ehrenbürgers der Stadt Berlin besucht. Auch Orte, zu denen Johannes Rau besondere Beziehungen hatte, haben letzte Grüße nach Berlin geschickt – die einstige Bundeshauptstadt Bonn, die Inselgemeinde des Urlaubsdomizils Spiekeroog etwa oder der Skatverband Altenburg, dem der passionierte Skatspieler offenbar angehörte.

Zwischen all den großen, „offiziellen“ letzten Grüßen verschwinden fast die zarten Blumensträuße, die gestern im Laufe des Tages von ganz normalen, um nicht zu sagen einfachen Bürgern auf das Grab ihres einstigen Bundespräsidenten gelegt wurden. Einer hat die Tulpen spontan im Laden an der Friedrichstraße gekauft, andere ließen sich einen Zweig vom Ölbaum mit einer Frühlingsblüte zu einem kleinen Sträußchen binden.

Die Leute, die auf den aufgeweichten Sandwegen und über Reste von glitschigem Eis zum Grab balancieren, verharren still und in stummer Zwiesprache mit dem Mann, der in seinem Amte Volksverbundenheit und Bürgernähe vorlebte. „Ich habe Johannes Rau einmal bei einer Theatervorstellung gesehen, er war so bescheiden, unterhielt sich in der Pause mit den Besuchern. Er war, wenn ich so sagen darf, irgendwie echt. Und die Menschlichkeit, die von ihm ausging, war es auch“, sagt die Frau aus dem Westen der Stadt, die sich anfangs gewundert hat, dass der SPD-Mann nicht nahe seinem Genossen Willy Brandt seine letzte Ruhe fand, die aber nun diese Wahl des bekannten Friedhofs im Osten sehr gut findet, „er wollte ja auch Präsident aller Deutschen sein“. „Der Dorotheenstädtische Friedhof mit seinen Prominenten von Brecht und Becher bis zu Fichte, Hegel, Schadow und Schinkel war lange nur im Osten bekannt, nun wird Johannes Rau die Lebenden aus der vereinigten Stadt an diesem Ort der Bildung, der Geschichte unserer Kultur und der Erinnerung an große Geister unterschiedlichster Denkungsart versammeln“, sagt ein Mann aus Köpenick. Eine ältere Dame kommt aus Spandau, „um Johannes Rau Lebewohl zu sagen – er war ein guter Mensch und sehr religiös!“

Den ganzen Tag gehen die Leute hierher, nun nicht mehr nur „wegen Brecht“. Mit Johannes Rau ist unsere politische Gegenwart auf den „Dorotheenstädtischen“ gekommen.

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