Berlin : Letzte Hoffnung Schering

Die Pharmafirma hilft in dem sozial schwachen Bezirk Wedding manchem kleinen Laden. Ohne die Firma droht der Absturz

Lothar Heinke

Unübersehbar, von wo auch immer wir kommen: Schering am Ende der Müllerstraße. Einst Wedding, heute Mitte, früher West-, jetzt Groß-Berlin. Die Konzernzentrale wirkt wie aufeinander gestapelte Lego, 1974 bauten sie so. 20 Jahre später dominiert Glas die riesige Halle von P 300, dem Erweiterungsbau des Pharmaunternehmens gegenüber an der Fennstraße. Im Gegensatz zu vielen anderen ließ Schering sich nicht beirren, als vor den Werkstoren die Mauer entstand. Die Firma blieb der Stadt treu. Einmal Berlin, immer Berlin.

Die Konzernzentrale steht, besonders in diesen Tagen, wie eine Trutzburg da und verbirgt, was sie schützt: 5551 Menschen sind hier in Lohn und Brot, sie nennen sich Scheringianer, da schwingt Stolz mit auf Tradition, Verbundenheit und Erdenschwere. Dieses ganze unsichtbare Städtchen, das sich hinter den Werkseingängen zum Westen hin ausbreitet, ist durch die Jahrzehnte gewachsen, seit der Apotheker Ernst Schering anno 1857 sein erstes Grundstück an der Müllerstraße 171 kaufte. Nur wenige Meter entfernt sind die Wurzeln des Unternehmens: In der Chausseestraße 17 hatte der 27-jährige die Schmeissersche Apotheke erworben und sie „Grüne Apotheke“ genannt. Arzneien und Pillen allein genügten ihm nicht, er stellte chemische Produkte für die Parfümerie-, Textil-, Leder-, Seifen- und Feuerwerksindustrie her. Mit 31 Jahren erhielt der Weddinger auf der Pariser Weltausstellung eine ehrenvolle Anerkennung für die Reinheit seiner Produkte, was ihn ermutigte, das Apothekenlabor zu einer Fabrik für chemisch-pharmazeutische Präparate auszubauen. In der Müllerstraße entstand 1866 das erste Kesselhaus und 1872 das Hauptlabor, ein Klinkerbau, in dem wir heute am Auf und Ab einer Firma teilnehmen, die stets stolz darauf war, eine Berlinerin zu sein und die den Namen der Stadt von den einstigen Gründerjahren bis heute auf ihren Produkten in alle Welt trägt.

„Scheringianum“ heißt das Betriebsmuseum, in dem 150 Jahre deutsche Werkgeschichte konserviert sind. Es riecht nach Kontor und Bibliothek, an der Wand hängt ein Telefon, mit dem der Chef 1881 seinen vollbärtigen Aufsichtsrat zusammenrief, überall stehen Waagen und Tinkturen, hängen Orden und Dokumente, Bilder und Plakate von Produkten, die schon 1879 in zehn Länder exportiert werden. 200 Leute bildeten die Belegschaft – heute sind es 25 000 in 140 Ländern –, für die es schon damals einen Altersversorgungsfonds gab. Das war die Zeit, als das Narkotikum Chloral-Chloroform und die Arznei-Spezialität „Piperazin“ erfunden werden, ein Verjüngungsmittel, das wenigstens gegen die Gicht taugte.

Draußen ist die Welt dann eine ganz andere als die der geheimnisvollen Labore, der langen Gänge, verwinkelten Flure und der schweigsamen Mitarbeiter: Wer sich bei Schering ausscannt, eilt entweder hinüber zum firmeneigenen Parkhaus oder in die nahen „Öffentlichen“, vielleicht läuft er noch ein paar Schritte in die Müllerstraße. Ein bisschen lebt die von den Scheringianern, die gutes Geld verdienen und Qualität suchen. Ein paar Häuser weiter strahlt der Stern des Aufschwungs, gerade hat das Autohaus Dinnebier seine zehnte Filiale aufgemacht, „und wir hoffen, dass auch Scherings Leute unsere Kunden werden“, sagt der Verkäufer. Der Schuhladen nicht weit entfernt, hat von den Scheringianern dagegen nichts: „Schuhe kaufe ich woanders“ sagt eine Angestellte. Außerdem in der Nähe: Möbelreste, Spiel-Center, Moon-Dance, ein Satire-Theater, die SPD und die Baptistenkirche, in der es manchmal Kino gibt. Der Chef der Nazareth-Apotheke hofft, dass die Schering-Leute auch in Zukunft wie bisher bei ihm einkaufen. Die Buchdruckerei in der Burgsdorfstraße spürt nicht allzu viel vom nahen Pillenriesen: „Manchmal kommt der Betriebsrat und will paar Flugblätter gedruckt haben“, sagt der Chef, und die Inhaberin vom Café Leila auf der anderen Seite freut sich schon, wenn Scherings Rentner bei ihr feiern, wie jedes Jahr, ansonsten „haben die ja ihre Cafés und alles, was der Mensch so braucht“. Christina Schubert ist mit ihrem „Blumen, was sonst?“-Laden quasi Untermieter bei Schering, „ohne die könnte ich einpacken“: Sonnabends, wenn bei den Pharmazeuten nicht gearbeitet wird, hat sie geschlossen, ansonsten ist für jeden etwas Spezielles im Angebot: „Es gibt Direktoren und Sekretärinnen, sehr konservative und sehr mutige Klasse-Kunden“, darauf stellt sie sich ein. Wer für 20 Euro Blumen kauft, bekommt eine herzliche Umarmung, ab 25 steigert sich das zu einer „heftigen Umarmung mit Lobpreisung“, die nächste Stufe ist ein Einschluss ins Abendgebet. Christina Schubert betet für Schering, denn „Schering ist Wedding und Berlin“. Der größte Arbeitgeber in einem nicht gerade von Reichtum gesegneten Bezirk: Ohne Schering droht Wedding der Absturz.

Das fürchtet auch Jörg-Otto Spiller. Der ehemalige SPD-Bezirksbürgermeister sitzt jetzt im Bundestag, die Übernahmegelüste des Pharma-Konkurrenten Merck sieht er nüchtern und abweisend: „Der Schwächere will den Stärkeren schlucken, ich hoffe sehr, dass das nicht passiert, für den Wedding und für die ganze Stadt wäre es herber Schlag, für den Wirtschaftsstandort Berlin ein negatives Symbol“. Spiller lobt Scherings Berlin-Treue und das Engagement für den Bezirk: „Die Weltfirma hat gezeigt, dass die Innenstadt ein guter Industriestandort sein kann – mit den am besten bezahlten Arbeitsplätzen, die die Stadt zu bieten hat“. Das Werk braucht die Nähe zur Medizin, in der Müllerstraße wirken viele hochqualifizierte Leute, die im eigenen Konzern ausgebildet wurden. Und manch Zulieferer lebt von und für Schering. Der Finanzfachmann bedauert, dass der Bezirk weder Gewerbe- noch Körperschaftssteuer vom Werk bekommt, „dieser dicke Brocken geht an den Finanzsenator“. Aber da ist er gut aufgehoben, heute und hoffentlich auch morgen.

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