Letzte Ruhe : Grab-WG statt grüner Wiese

Immer mehr Berliner wollen in Gemeinschaftsgräbern beerdigt werden. So belastet die Grabpflege nicht die Hinterbliebenen, aber es gibt einen Ort zum Trauern.

Eva Kalwa

Friedlich blickt die steinerne Trauernde auf die geschmückte Grabstätte zu ihren Füßen, im Schoß hält sie ein paar Rosen. An der linken Schulter der Statue klettert eine Efeuranke hinauf: ein kleines, geduldetes Stück wildwachsender Natur auf dem ansonsten so gepflegten Grabmal. „Vorher sah das hier ganz anders aus, alles war überwuchert“, erzählt Friedhofsgärtner Stefan Crass vom Parkfriedhof Lichterfelde. Als die Friedhof-Treuhand- Berlin den 44-Jährigen im Herbst letzten Jahres beauftragte, ein Grabfeld für eine sogenannte Ruhegemeinschaft zu suchen, schlug er diese verwaiste, unter Eiben und Robinien gelegene Stätte aus der Gründerzeit vor. 16 Urnen liegen mittlerweile hier, Platz ist für 28. Das Besondere: Bis auf zwei Personen haben sich die hier Beerdigten nie kennengelernt, denn die Ruhegemeinschaften, auch Grab-WGs genannt, sind keine Familiengräber.

Oft werden sie von Menschen ausgewählt, die vorsorgen möchten, dass ihre Angehörigen sich nicht 20 Jahre lang um die Grabpflege kümmern müssen. Anders als auf der anonymen „grünen Wiese“ verfügen die Hinterbliebenen aber zugleich über einen konkreten Ort für ihre Trauer. Denn in der Gebühr von 895 Euro für 20 Jahre Grabpflege sind auch die Steinmetzarbeiten für die Nennung des Namens und der Lebensdaten auf den Grabtafeln enthalten. Hinzu kommen einmalig die üblichen Friedhofsgebühren in Höhe von 661 Euro, was diese Bestattungsform relativ preiswert macht.

Auch Angehörige nutzen das neue Angebot für ihre Toten. So wie Renate Wittbrodt, deren Eltern zusammen in der Lichterfelder Ruhegemeinschaft liegen. Ihr Vater war vor 14 Jahren in Marienfelde beerdigt worden, dann starb im letzten Jahr die Mutter. Sie hatte eigentlich, um der Tochter Arbeit und Kosten zu ersparen, auf der „grünen Wiese“ bestattet werden wollen. „Dann hörte ich aber von diesen Ruhegemeinschaften und fand das eine ganz tolle Idee“, sagt die 51-Jährige. Sie ließ den Vater umbetten und neben der Mutter in dem neu angelegten Gemeinschaftsgrab beerdigen. „Es bedeutet mir viel, an dieses schöne Grabmal zu kommen und genau zu wissen, wo ich meine Rose niederlegen muss“, so Wittbrodt.

„In den ersten fünf Jahren nach dem Ableben eines geliebten Menschen ist die Trauerarbeit am wichtigsten“, sagt Achim Dick, Geschäftsführer der Friedhof-Treuhand-Berlin. „Eine anonyme Bestattung ist deshalb Egoismus pur, das Problem haben danach die Angehörigen!“ Er legt besonderen Wert darauf, dass die Grabfläche einer Ruhegemeinschaft ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Wie sie gestaltet ist, ist dabei dem zuständigen Friedhofsgärtner überlassen. Anrechte auf einen speziellen Platz gibt es aber nicht. „Reservieren können wir nichts. Man kann sich nur den Friedhof aussuchen“, so Dick.

Dreimal im Jahr sorgt Friedhofsgärtner Crass neben der sonstigen Pflege für die frische Bepflanzung der großen Grabschale, auch hat er für 20 Jahre die Patenschaft für das Grabdenkmal übernommen. Er leitet den Betrieb in dritter Generation und ist froh, dass auf diese Weise historische Grabstätten ohne gegenwärtige Nutzung neuen Zwecken zugeführt werden: „Wer könnte sich denn sonst so etwas Großes und Schönes leisten?“

Neun Ruhegemeinschaften gibt es zurzeit in Berlin, unter anderem in Spandau, Schöneberg und Charlottenburg. Weitere „Grabgemeinschaftsanlagen mit gärtnerischer Pflege“, so der offizielle Name, sollen ab Januar folgen, darunter in Adlershof, Neukölln und Grunewald. Denn die Nachfrage steigt.

Infos auf www.ruhegemeinschaften.de oder unter Tel. 7855060.

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