Letzte Ruhe in Berlin : Hier möchte ich nicht begraben sein

Kein Ort scheint ungeeigneter für eine derart grundlegende Angelegenheit wie die letzte Ruhestätte als Berlin. Oder wer möchte sich im Tod einer Stadt ausliefern, (in) der alles egal ist?

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Da können die Friedhöfe wie hier der Alte Garnisonfriedhof in der Rosenthaler Straße noch so schön sein: Für viele Zugereiste ist die Vorstellung, in Berlin begraben zu werden, eine mehr als seltsame.
Da können die Friedhöfe wie hier der Alte Garnisonfriedhof in der Rosenthaler Straße noch so schön sein: Für viele Zugereiste ist...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Den Weg von der Wiege ins Grab stellt der Mensch sich gern als Kreis vor, als Rundwanderung, bei der ein Leben sinnbildlich an sein Ende kommt, indem es den Anfang berührt. Dieses Bild verströmt in seiner Geschlossenheit etwas Sinnhaftes und Tröstliches.

Für eine Stadt wie Berlin, Topstadt der Zugereisten, allerdings ergibt das perspektivisch Grabflucht als Massenphänomen. Andeutungsweise gibt es die bereits, den ersten Friedhöfen gehen die Toten aus. „Möchtet ihr in Berlin begraben sein?“, als Frage neulich in eine Runde gerufen, ergab multiples „Nein!“ als Antwort. Und wo stattdessen? Da referierten die Gefragten ihre Herkunftsorte in Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt, Friesland. Sogar diejenigen, die schon zu Mauerzeiten nach Berlin kamen und hier Kinder großgezogen haben, lehnten es zunächst ab, hier begraben zu werden (revidierten das aber später mit Blick auf eben jene Kinder wieder).

Berliner Friedhöfe
Friedhof der St. Elisabeth-Gemeinde an der Ackerstraße in Mitte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Doris Spiekermann-Klaas
17.01.2014 10:26Friedhof der St. Elisabeth-Gemeinde an der Ackerstraße in Mitte.

Berlin, die Stadt des Vorübergehenden, des Nicht- und Niefertigen, der großen Planlosigkeiten. Kein Ort scheint ungeeigneter für eine derart grundlegende und endgültige Angelegenheit wie die letzte Ruhestätte.

Der Tod ist zu ernst für Berlin. Man hat hier keinen Sinn für Ewiges, für etwas in seiner unendlichen Einmaligkeit so Unerhörtes wie den Tod, und auch nicht für die Würdigkeit von Friedhöfen. Nein, in Berlin vergammeln sogar städtische Ehrengräber, lassen bräsige Einheimische ihre unangeleinten Köter auch zwischen den Grabstätten usw. ...

Das ist die B-Seite jener Platte, auf der das leichte Ankommen, der schnelle Neustart in Berlin besungen wird. Dass man hier sein kann, wie man ist, weil es nämlich vollkommen egal ist, ob man da ist oder nicht. Das kann ein schönes Gefühl sein, solange man lebt. Aber wer möchte, tot und begraben, einer Stadt ausgeliefert sein, der er ebenso egal ist? Und deren herausragendste Qualität eben dieses Egal-Gefühl ist?

Ich nicht.

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