Berlin : Letzter Halt Absurdistan

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Geschäftig fließt der Strom von oben nach unten und wieder zurück. Oben – das ist der moderne Teil des Bahnhofs Friedrichstraße: gläserne Dächer, transparente Wände, erneuerte Gleise. Darunter, in der Halle, eine Ess- und Trink- und Kaufmich-Meile. Macht alles einen sehr unruhigen, aber schönen Eindruck, wenn man für einen Moment an die Vergangenheit dieses einstigen „Grenzbahnhofs“ denkt. Den gibt es nur noch in der Erinnerung . Lediglich der Bahnsteig im Keller, in dem die Nord-Süd-Bahn hält, war bis Sonnabendnacht noch ein altes, fast schon vergessenes Stück Friedrichstraßenbahnhof. Nun beginnt auch hier die Wende. Wir waren noch einmal da, um Adieu zu sagen.

Der Bahnhof ist eine Reste-Rampe. Der Ausgang zum Schiffbauerdamm, zur U-Bahn und mehrere Übergänge in die Bahnhofshalle sind längst gesperrt und mit frisch gepressten Spanholzplatten verkleidet. Es duftet nach Wald und frisch gebrühtem Kaffee. Die schweren grauen Eloxal-Türen mit ihrem grob gerasterten Muster erinnern ebenso an die DDR-Zeit des Bahnsteigs wie die braun-gelb-rot glasierten Kacheln, für deren Farbe selbst die Bahner keinen n haben. Ein Kiosk ist schon unsichtbar, der andere wurde ausgeräumt. Statt heißer Bockwurst, Wodka und Wein sehen wir abgeschraubte Wasserrohre, gekappte Stromkästen, stillgelegte Steckdosen. Nur das Notwendigste ist noch da – der Bahnsteig.

Hier war es, wo 28 Jahre lang zu Mauerzeiten die Geisterzüge im hellen Licht des Untergrunds quietschend hielten, nachdem sie – wie die U-Bahn nebenan – haltlos durch dunkle Geisterbahnhöfe gerauscht waren. Auf dem Bahnsteig D lockte ein Intershop, in dem der West-Berliner zwischen zwei Zügen mal schnell zollfreie Zigaretten oder Spirituosen für sich oder seine Freunde, die er zu besuchen trachtete, einkaufen konnte. Aber nur gegen West-Geld. Man befand sich auf einer Art exterritorialem Gebiet, mitten im Absurdistan dieser Stadt: Wer auf diesem Bahnsteig stand, war auf dem Territorium der Hauptstadt der DDR, die er aber ohne ein entsprechendes Dokument nicht betreten durfte. Eigentlich war ihm das Verlassen des Bahnsteigs untersagt, wie umgekehrt der Ost-Berliner Hauptstädter nie auf diesen Bahnhof gelangen durfte, es sei denn, sein Staat hatte ihm für eine „dringende Familienangelegenheit“ die Genehmigung dazu erteilt. Der Bahnhof Friedrichstraße bestand aus einem Wirrwarr von Verboten: Hunderte Türen waren dem Normalsterblichen verschlossen, Gänge endeten an Mauern, und wer keine Uniform trug, hatte sich zu fügen. Der Ost-Berliner bekam nur an einer Stelle auf der Straße Unter den Linden mit, dass das Rauschen aus dem Gitterschacht zu seinen Füßen von der mit West-Berlinern besetzten Geister-S-Bahn kam, die er nur hören konnte, aber nie sehen durfte – bis der Spuk zu Ende war. Über 140 Kameras und Monitore haben das merkwürdige Leben und Treiben in diesem Hochsicherheits-Bahnhofslabyrinth beobachtet, bewacht von Posten unter dem Dach des zweigeteilten Hallenbogens wie auf dem Bahnsteig der Kellerbahn, sechs Meter tief. Wie man hört, wurden jüngst erst hinter Mauerwerk jene Strom-Aggregate entdeckt, mit denen die Stasi ihr technisches Bewachungsinstrumentarium speiste.

Der freundliche junge Mann mit der roten Mütze, der heute hier unten jede Stunde 36 Züge abfertigt, kennt die alten Geschichten dieses Bahnhofs nur vom Hörensagen seiner Kollegen, nach denen es sich bei den damaligen Zugabfertigern um „Hundertprozentige“ gehandelt habe. „Denn die brauchten ja nur in den Zug zu steigen, und schwupp waren sie weg“, sagt ein S-Bahner und erzählt die Geschichte eines Fahrers, der ein heimlich am West-Kiosk gekauftes Porno-Heftchen in den Osten mitgenommen hatte. Der war nach einer Hausdurchsuchung sehr schnell seinen Job los. Nun wird auch dieser 1936 erbaute Bahnsteig ein vollständig neues Gesicht bekommen. Ab Sonntag früh fährt und hält hier kein Zug mehr – bis zum 13. Oktober. „Ja, hier soll alles ganz toll werden“, sagt der Zugabfertiger Ralf Rohde, „alle Säulen grau umkachelt, die Wände grau und ebenso der Fußboden“. Lothar Heinke

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