Berlin : Letzter Tanz im Wartesaal des Glücks

Clärchens Ballhaus ist dicht – die Macher der Strandbar Mitte übernehmen

Christoph Stollowsky

Der letzte Schwof endete am Morgen des diesjährigen Neujahrstages, und die Stimmung war recht getrübt: Stefan Wolff, der langjährige Chef des legendären Berliner Tanztempels „Clärchens Ballhaus“ hatte seinen Gästen während der Silvester-Party eröffnet, „dass wir ab 1. Januar schließen müssen“. Nicht aus wirtschaftlicher Not. Das Ballhaus schrieb bis zuletzt schwarze Zahlen. Aber wegen eines Kündigungsschreibens, denn Mitte 2004 wurde das Gebäude an der Auguststraße 24 in Mitte verkauft. Der neue Eigentümer will es sanieren und das Mietverhältnis nicht verlängern. Also muss Wolff raus. Doch getanzt wird weiter: Die Betreiber des „Hexenkessel Hoftheaters“ und der Strandbar Mitte am Monbijoupark übernehmen die Säle als Mieter und wollen das Flair der 20er Jahre erhalten.

Am Mittwoch geben Stefan Wolff und seine Frau Monika die Schlüssel ab. Am Dienstag schleppten sie die letzten Möbel, Geschirr und Zille-Bilder heraus – und mit den beiden Mitfünfzigern verschwindet erst einmal ein Stück Alt-Berlin aus der Auguststraße. Denn in Clärchens Ballhaus gab es seit nunmehr 91 Jahren nahezu täglich Swing und Schwof, ganz ähnlich, wie Heinrich Zille es einst malte. Eigentlich hieß das am 13. September 1913 eröffnete Lokal mal „Bühler’s Ballhaus“, doch der Erste Weltkrieg machte Clara, die Frau des damaligen Wirts Fritz Bühler zur Witwe – sie übernahm den Laden und nannte ihn fortan „Clärchens Ballhaus“.

Seither wirbelten dort bis zu 300 Tänzer, darunter viele Stammgäste, zu Live- Band-Rhythmen. Zwischen dunkel getäfelten Wänden walzten sie hinein ins warme Licht des Deckenlüsters, manche Paare lernten sich hier kennen und feierten später im selben Wartesaal des Glücks ihre Goldene Hochzeit. Die Zeit schien im gründerzeitlichen Ambiente still zu stehen, während draußen die Nazizeit und die DDR vorübergingen.

1967 übernahm Claras Stieftochter Elfriede Wolff den Familienbetrieb und übergab ihn kurz nach der Wende in die Hände von Monika und Stefan Wolff.

Seither ging es aus Sicht mancher Gäste im Dreivierteltakt zu sehr zurück in die Vergangenheit. Der Ort wirkte ein wenig verstaubt, obwohl man sich mit Discos und Tango-Nächten Mühe gab, auf der Höhe des Zeitgeschmacks zu bleiben.

Immerhin hatte Schauspielerin Lotti Huber hier ihren Stammplatz, das Tanzlokal wurden als Filmkulisse entdeckt – und zum 90. Ballhaus-Geburtstag im September 2003 sang Schauspieler Walter Plathe das Otto Reutter-Chanson „Nehm’sen Alten“ – was zum Durchschnittsalter des Publikums passte.

Die künftigen Betreiber wollen nach der Sanierung „frischen Wind“ in Clärchens Ballhaus bringen. Es soll seinen Namen behalten, aber ein „wenig entmufft“ werden und auch wieder Jüngere anziehen, sagt Christian Schulz. Der 36-Jährige betreibt im Sommer mit Geschäftspartner David Regehr das „Hexenkessel-Open-Air-Theater“ und die Strandbar Mitte am Ufer gegenüber der Museumsinsel sowie den Oststrand nahe der Oberbaumbrücke. Außerdem gehört ihnen das Restaurant „Europa“ in der Gipsstraße.

Auch sie wollen die 20er-Jahre-Stimmung im Ballhaus „lebendig halten“. Ein „großer Berliner Salon“ schwebt ihnen vor zum Tanzen, Plaudern – mit Orchestern und Kulturauftritten. Die bisherigen Inhaber Stefan und Monika Wolff hatten bis gestern „keine Ahnung“, wer nach ihnen kommt und reagierten überrascht. Sie ziehen sich ins Dorf Senzig an der Dahme bei Königs Wusterhausen zurück. Dort haben sie einen Gasthof gepachtet – „mit Tanzboden“. Damit das Leben auch für sie weitergeht.

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