Berlin : Letzter Vorhang im Tränenpalast

Im alten Grenzgebäude gibt es keine Vorstellungen mehr. Der Betreiber unterlag im Investorenpoker

Klaus Kurpjuweit

Jetzt fließen wieder Tränen. Tränen der Trauer. Wie von 1962 bis 1989, als hier die Ost-Berliner ihren Besuch aus dem Westen verabschieden mussten, der zum Grenzübertritt in dem Pavillon aus Stahl und Glas hinter schusssicheren Türen verschwand. Dann war der Tränenpalast 15 Jahre lang ein Ort der Freude und des Vergnügens. Aus und vorbei. Gestern gab es die letzten Auftritte im Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße. Am 31. Juli endet die Epoche als Veranstaltungsort auch offiziell. Zumindest vorläufig. Die Zukunft ist ungewiss.

Tränen der Wut könnten beim Betreiber Marcus Herold und seinen Mitarbeitern aufsteigen, weil ihr Engagement dem Profit geopfert wird. Ihr Versuch, den Bau zu kaufen, war am zu hohen Preis gescheitert. Der Hamburger Unternehmer Harm Müller-Spreer konnte ihn locker um das Doppelte überbieten. Er will auf dem so genannten Spreedreieck ein mindestens zehnstöckiges Gebäude bauen lassen.

Bis auf den Eingangsbereich soll zwar der denkmalgeschützte Tränenpalast erhalten bleiben, für den der Senat im Kaufvertrag festgelegt hat, dass er mindestens 25 Jahre als Kultur- und Veranstaltungsort genutzt werden soll. Für Herold dürfte die Miete aber wohl zu hoch sein. Sein Unternehmen hat im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden müssen – nach einer langen Zeit der Planungsunsicherheit, in der, so sagte Herold damals, mehrere potenzielle Investoren abgesprungen seien.

Ohne Herold gäbe es den Tränenpalast wahrscheinlich gar nicht mehr. Zu Beginn der 90er Jahre wollte die Reichsbahn das Gebäude abreißen lassen; wie so viele Bauten an der ehemaligen Grenze. Herold dagegen gelang es, aus der einstigen „Ausreisehalle“ einen Veranstaltungsort zu machen. 1991 war es so weit.

Ohne Subventionen schaffte es Herold, den Betrieb laufen zu lassen. Und wie! Hier traten die Musiker vom Buena Vista Social Club auf und begeisterten das Publikum, bevor Wim Wenders sie durch seinen Film berühmt machte. Auch Prince stand hier auf der Bühne – wie so viele andere. Rund 6000 Veranstaltungen hat es nach Angaben von Herold gegeben; oft seien über 100 000 Besucher im Jahr zu den Konzerten und Theateraufführungen gekommen. Wohl in keinem Reiseführer fehlte der Hinweis auf den Ort.

Als es aber darum ging, das Spreedreieck zu Geld zu machen, zählte zumindest beim Senat nicht mehr, was Herold für Berlin erreicht hatte. Der Senat war in der Klemme, weil ihm eine Schadensersatzklage durch Müller-Spreer in Höhe von 45 Millionen Euro drohte. Dummerweise hatte ihm der Senat eine Fläche verkauft, die gar nicht vollständig dem Land gehörte. So zahlte Berlin rund acht Millionen Euro zurück und gab als Dreingabe noch zwei Nachbargrundstücke mit. Herold dagegen rieb sich in langwierigen Verhandlungen um den Kauf des Tränenpalastes auf. Der Senat habe ihn schließlich in die Insolvenz getrieben, klagt er.

Einen Tränenpalast wird es hier wohl nie wieder geben, die Namensrechte nimmt Herold mit. Er will in anderen Räumen gastieren. Zuletzt durfte in dem Trauerspiel nochmals gelacht werden – beim Auftritt des Kabarettisten Reiner Kröhnert. Morgen ist endgültig Schluss, der Tränenpalast nur noch Geschichte. Rühmen kann sich der Senat damit nicht.

Das Inventar des Tränenpalasts wird am 3. August, 13 Uhr, in dessen Räumen versteigert. Besichtigung ab 9 Uhr.

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