Berlin : Letztes Aufgebot an der Ostfront

18. April 1945: Die Rote Armee steht vor dem entscheidenden Durchbruch in Richtung Berlin

Richard Lakowski

Am dritten Tag des Großangriffs wird Schukow immer ungeduldiger. Die deutschen Panzerjagdbrigaden leisten der Roten Armee an der Reichsstraße 1 bei dem westwärts Seelow liegenden Diedersdorf heftigen Widerstand. Der Marschall der 1. Weißrussischen Front fordert seine Kommandeure auf, zielstrebiger anzugreifen. Er verlangt einen entschiedenen Vormarsch in Richtung Berlin. Für die deutschen Soldaten, die die ersten beiden Tage der Schlussoffensive überlebt hatten, geht es an diesem 18. April 1945 nur noch ums nackte Überleben.

„Auch während der Nacht griff der Feind fortlaufend an und trat am heutigen Morgen mit aller Wucht erneut gegen die durch den pausenlosen Einsatz in den letzten Tagen geschwächten eigenen Verbände zum Angriff an“, heißt es in der Tagesmeldung der deutschen Heeresgruppe Weichsel von diesem Tag. An den besonders umkämpften Orten habe der sowjetische Vormarsch zur „Krise“ geführt. Zum Ende des Tages kulminiert die letzte große Schlacht an der Ostfront.

Um die wankende Front zu stützen, waren in der Nacht zuvor zusätzliche Soldaten aus Berlin an die Front gebracht worden: In Stadtbussen erreichten die Alarmbataillone das Kampfgebiet. Zum letzten Aufgebot gehören auch die Panzerjagdbrigaden, die überwiegend aus kaum militärisch ausgebildeten und schlecht ausgerüsteten Hitlerjungen bestehen. Trotz der zweifellos zu erwartenden Niederlage schickt die Wehrmachtführung immer weitere Alarmverbände an die Front. In der Bevölkerung kursiert in diesen Tagen der böse Witz von den zwei Männern, die über einen Friedhof gehen und denen eine alte Frau nachruft: „Ihr wollt wohl den Ersatz für den Volkssturm ausheben.“

Die letzten Aufgebote an der Ostfront leisten den vorwärts drängenden sowjetischen Panzern verzweifelten Widerstand, können den Vormarsch aber nur unwesentlich verzögern. Am Abend des 18. April meldet Schukow eine Aufgabe als erfüllt, die er nach dem ursprünglichen Plan bereits am ersten Tag erledigt haben wollte: Die Höhenrandstufe auf beiden Seiten Seelows ist bis auf kleinere Abschnitte gewonnen, die sowjetischen Panzerarmeen können vorwärts in Richtung Berlin stürmen.

Die Wehrmacht hat dem zu dieser Zeit kaum noch etwas entgegenzusetzen. Mehr als 12 000 deutsche und 33 000 sowjetische Soldaten haben in den vergangenen Tagen beiderseits von Seelow ihr Leben gelassen. Die deutschen Einheiten können die Verluste an Soldaten nicht mehr ersetzen, der Vormarsch der Roten Armee ist nicht mehr zu stoppen. Es fehlt den Einheiten, die noch kämpfen können, vor allem an Artilleriemunition und an Treibstoff für ihre Fahrzeuge.

Die für die Deutschen verzweifelte Lage trägt dazu bei, dass Hitler seinen Truppen noch in der Nacht zum 19. April genehmigt, den Brückenkopf auf dem Ostufer der Oder bei Frankfurt zu räumen. Der Tagesbefehl Hitlers, den dieser den Soldaten an der Ostfront drei Tage zuvor gegeben hatte, dürfte für die Soldaten zu diesem Zeitpunkt schon längst keine Bedeutung mehr gehabt haben. „Berlin bleibt deutsch, Wien wird deutsch und Europa niemals russisch“, hatte der „Führer“, der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht, formuliert. Berichte von Zeitzeugen lassen vermuten, dass der Befehl viele Soldaten an der Front nie erreicht hat.

Richard Lakowski (66) ist Militärhistoriker. Er arbeitete bis 1996 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam und lebt in Erkner.

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