• Letztes öffentliches Wannenbad: Mit einem Stückchen Südsee-Seife ab in die Mini-Oase

Berlin : Letztes öffentliches Wannenbad: Mit einem Stückchen Südsee-Seife ab in die Mini-Oase

Christian Domnitz

Als der Vermieter ihm anbot, eine Dusche in seiner Schöneberger Altbauwohnung einzurichten, lehnte er ab. "Ich will eine Wanne oder gar nichts", sagte Hans Joachim Deuter. Doch eine Wanne passte nicht in die Einraumwohnung hinein - also bekam er gar nichts. Doch einmal in der Woche, manchmal auch zweimal, besucht der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur das Wannenbad in der Krummen Straße 10. Dann fährt er mit seinem Auto fünf Kilometer weit nach Charlottenburg - Hans Joachim Deuter liebt Wannenbäder über alles, und für die Wannen-Wärterin ist er schon ein alter Bekannter.

In der "Reinigungsabteilung" im Stadtbad Charlottenburg stehen die letzten öffentlichen Berliner Badewannen. Vor hundert Jahren hatte in ganz Berlin kaum jemand ein Badezimmer, aber jedes Schwimmbad eine Reinigungsabteilung. Der Gang zum Baden gehörte zum Alltag. Heute dagegen fehlt nur in jeder zwanzigsten Berliner Wohnung ein Bad, öffentliche Wannen gibt es nur noch in der Krummen Straße.

Das Wannenbad ist eine Oase für Deuter. Hier, mitten in der Großstadt, ist es ruhig, nur ab und zu summt ein Föhn. Ein langer, gelb gekachelter Gang, links sind Türen zu drei Kabinen mit Wannen, rechts geht es zu acht Duschen. An der Stirnseite tickt eine große Uhr. Die Dreiviertelstunde in der Wanne oder unter der Dusche kostet vier Mark. Wer kein Handtuch mitbringt, kann für zwei Mark eines leihen, und für fünfzig Pfennig gibt es ein kleines Stück Seife mit Sandelholzduft, eingepackt in Papier mit Südseepalmen darauf.

"Ich bade immer ganz heiß, das ist sehr angenehm", sagt Deuter. "Ich werde dann eiskalt duschen, danach fühlt sich die Haut so gut an." Deuters Badekabine ist spartanisch: Eine Sitzbank steht in der Ecke, zwei kleine Haken sind auf die Fliesen geklebt. Gegenüber steht die Badewanne. Sonst gibt es nichts. Deuter legt seine Plastiktüte auf die Sitzbank, lässt das Badewasser ein - und erzählt Geschichten aus früheren Stadtbädern, die schon längst geschlossen sind. Er schwärmt vom Neuköllner Bad in der Ganghoferstraße, von den hergerichteten Ornamenten und dem römischen Dampfbad. Bedauert, dass es das Stadtbad Prenzlauer Berg in der Oderberger Straße seit Jahren nicht mehr gibt. Und ärgert sich, dass in vielen Stadtbäder noch Wannen stehen, die aber nicht genutzt werden. Zum Beispiel im Stadtbad Mitte in der Gartenstraße, wo Deuter bei einer Führung extra nachfragte, was denn mit dem leeren Wannenbad passieren solle. Wahrscheinlich nichts, war die Antwort.

Als vor einem Jahr die Wannenbäder in Neukölln und Charlottenburg - die damals letzten - geschlossen werden sollten, ging Deuter zu Sportsenator Klaus Böger in sein Steglitzer SPD-Wahlbüro. "Ich habe ihm gesagt, dass das nicht in Ordnung ist." Danach schrieb ihm Böger einen Brief - duschen könne er doch weiterhin, in jeder Schwimmhalle.

Weil Deuter aber nicht der einzige Schließungsgegner war, entschieden sich die Berliner Bäderbetriebe, die Wannen in der Krummen Straße weiterzubetreiben. Jetzt allerdings, nachdem der Vorstand wegen Missmanagements wechselte, werden Gutachten erstellt. Die Prüfer schauen nach, ob Schwimmhallen und Freibäder Gewinne erwirtschaften und blicken natürlich auch kritisch ins Wannenbad. Im Sommer soll dann entschieden werden, ob Bäder schließen müssen.

In die Krumme Straße kommen ältere Leute. Neben der Wanne hängt hier eine Schnur mit einem Plastikgriff am Ende: Die Rettungsleine für Menschen mit schwachem Kreislauf. Ein Zug an der Leine lässt eine Glocke klingeln - und die Wannen-Wärterin ist sogleich zur Stelle. Doch die Überwachung ist auch anderweitig gut. Deuter erinnert sich an ein junges Paar, das einmal ins Stadtbad Tempelhof kam. "Sie wollten zusammen in eine Duschkabine", sagt er und lacht. "Das durften sie aber nicht."

Wenn die Badezeit vorbei ist, klopft die Wärterin an die Tür. Noch während die Badegäste sich die Schuhe anziehen, wischt sie die Kabine und säubert die Wanne. Die Krumme Straße ist auch etwas für bequeme Leute: Nach dem Bad müssen sie den Rand in der Wanne nicht selbst wegschrubben. Hans Joachim Deuter kommt aus der Kabine, putzt seine beschlagene Brille, packt Handtuch und Seife in seinen Plastikbeutel. Er wirft zehn Pfennig in den Föhn-Automaten und setzt sich auf den Hocker. Er hat Zeit. Beim Gehen winkt er der Wannen-Wärterin und lächelt ihr zu.

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