Berlin : "Lexikon der Filmpannen": Immer Ärger mit dem Träger

Andreas Conrad

Selbst rund 80 Jahre nach der Erfindung des Büstenhalters sind die damit verknüpften technischen Probleme nicht völlig gelöst. Dies zielt nicht gegen das freitragende, einer schulterfreien Mode entgegenkommende Modell, sondern meint die geläufigere Version, deren Konstrukteure sich im Prinzip noch immer auf die Zug- und Spannkraft simpler Strippen verlassen. Es liegt in der Natur der Sache, das sie mit der Zeit erschlaffen.

Ein "Lexikon der Filmpannen", wie es jetzt im Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig, herausgekommen ist, scheint mit diesen Problemen zunächst nur wenig zu tun zu haben, schon gar nicht im Zusammenhang mit Berlin. Aber es ist doch zulässig, das von Gregor Jochim zusammengetragene Sammelsurium kinematographischer Versehen, Schnitzer, Schludrigkeiten danach zu befragen, welchen Anteil die hiesige Filmindustrie daran hatte. Und da stößt man nun mal schnell ausgerechnet auf das erwähnte Kleidungsstück.

Gerade der Film, der wie kein anderer der jüngeren Vergangenheit mit Berlin verbunden war, das Publikum scharenweise an die Kasse lockte und der dann auch noch den Deutschen Filmpreis errang, wird von dem akribischen Filmsezierer herausgepickt: "Lola rennt" von Tom Tykwer. Unter dem Stichwort "Kleidung" steht er nun in einer Reihe mit "Absolute Power", "Leaving Las Vegas" und "Contact": Der rechte Träger des BHs von Franka Potente, so mutmaßt Jochim, sei "wohl vor Schreck über die Schulter gerutscht, nachdem ihr Freund Moritz Bleibtreu von einem Krankenwagen überfahren worden ist. Potente beherrscht jedoch die Kunst des dezenten Träger-Hochschiebens: Ohne dass sie sich bewegt, ist der Träger sogleich wieder ordentlich unter ihrem ärmellosen Hemd verschwunden."

Gewiss, eine lässliche Sünde, zumal einem, wenn man pausenlos durch die Stadt wetzt, schon mal was verrutschen kann. Dennoch ein typischer Anschlussfehler, der für Jochim vorliegt, "wenn sich ohne ersichtlichen Grund zwischen zwei Einstellungen eine Veränderung im Bild ergibt". Kein Regisseur, und sei er noch so akribisch, ist dagegen gefeit. In den USA ist es unter Kinofreunden geradezu ein Sport, die kleinen Macken in Filmen, die im Bilderrausch kaum zu erkennen sind und in der Regel den Filmgenuss nicht beeinträchtigen, ausfindig und publik zu machen. Logisch, dass da der Autor die Seiten seines Büchleins besonders mit US-Filmen und ihren Pannen gefüllt hat.

Eigentlich ist "Lola rennt" sogar der einzige direkt mit Berlin verbundene Lapsus. Immerhin ist Horst Wendlandts Berliner Rialto-Film gleich mehrfach betroffen, ob die betreffenden Szenen in Berlin entstanden, stehe dahin: Die Kanu-Verfolgungsjagd in "Winnetou I", bei der ein Wasserfleck auf Old Shatterhands Hemd trotz steigendem Wasserstand im Boot kleiner wird, wurde jedenfalls in Jugoslawien gedreht. Aber wie war es mit Sam Hawkins in "Winnetou III", der in derselben Szene auf recht unterschiedliche Weise gefesselt ist? Und erst die Rialto-Reihe der Edgar-Wallace-Verfilmungen: Der Weinpegel in einem Glas, das in einer Szene "Die Gruft mit dem Rätselschloß" auftaucht, verändert sich fortwährend, und in "Der schwarze Abt" wandert ein Buch ohne menschliche Einwirkung auf einem Tisch herum.

Verglichen mit dem folgenden Ausrutscher ist das nur Kinderkram: Mit einem Auto auf zwei Rädern fahren, kann jeder, danach erfolgreich zu landen, glückt nur noch wenigen. Aber auf den rechten Reifen in eine enge Gasse hinein- und auf den linken heraussausen, das schafft nur 007. Bei James-Bond-Enthusiasten klingelt es sofort: Sean Connery auf Ford Mustang in "Diamantenfieber". Auch in den Filmen mit dem britischen Agenten wimmelt es von Patzern, ausgerechnet "Octopussy", der als einziger teilweise in Berlin gedreht wurde, fehlt in der Pannenliste. Und bei bei Pierce Brosnans zweitem Bond-Auftritt in "Der Morgen stirbt nie" unterschlägt Jochim gerade den Berlin-bezogenen Fehler. Der BMW, den Bond diesmal verschrotten darf, war in Berlin zugelassen. Das Kennzeichen B-MT 2144 - eine Anspielung auf die britische "BMT 216A"-Nummer des Aston Martin in "Goldfinger" - war aber nur eine fehlerhafte Version eines deutschen Kennzeichens: Buchstabenabstand und Schrifttyp stimmten nicht. "Als das bekannt wurde, beschimpfte Ausstatter Allan Cameron lauthals die dafür verantwortlichen Mitarbeiter", verzeichnet Siegfried Tesche im "Großen James-Bond-Buch" (Henschel-Verlag, Berlin 1999).

Gegen den verrutschten BH-Träger von Franka Potente kommt solche Nachlässigkeit natürlich nicht an. Die Vorsicht der Ausstellungsmacher im Filmmuseum an der Potsdamer Straße ist daher nur zu loben: Die Potente-Puppe, mit der dort der Streifzug durch die deutsche Filmgeschichte endet, trägt keinen BH.

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