Berlin : "Liberty Bell": Big Ella sagt Happy Birthday

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Ella wird sie schlicht genannt, und das ist beinahe mehr als der Ehrentitel Stadtälteste, den ihr der Senat 1977 verlieh. Die zierliche Ella, die mit ihren körperlichen Kräften haushalten muss: Sie redet so energisch, klarsichtig und so druckreif über die aktuelle und gewesene Politik, dass man sie auch "Big Ella" nennen könnte. Die Rede ist von der Politikerin Ella Barowsky (FDP). Heute wird die 88-jährige im Schöneberger Rathaus die Festrede zum 50. Geburtstag der Freiheitsglocke halten. Die Rede hat sie zu Hause mit der Hand geschrieben.

Die Zeitzeugen der ersten Stunde sind mittlerweile rar. Frau Barowsky gehörte schon der 1946 gewählten Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin an. Nach der Spaltung der Stadt war sie Stadtverordnete und sehr lange Abgeordnete im Westen, von 1951 bis 1955 auch als Bezirksbürgermeisterin Hausherrin im Schöneberger Rathaus. Nur bei der Einweihung der Freiheitsglocke war sie nicht dabei. Sie lag damals monatelang mit Typhus im Krankenhaus, im Schulgebäude an der Ecke Hohenstaufen- und Barbarossastraße. Aber sie verfolgte den großen Tag am Radio, das ihr die Schwestern ans Bett stellten: "Meine Teilnahme war sehr emotional, ich habe noch einige Male davon geträumt. Mein Empfinden war, hier wird die Freiheit verteidigt, der große Sieger hilft sie stabilisieren."

Die Interessen-Identität der Westalliierten und der Berliner oder doch der allermeisten Berliner macht sie an einer Episode klar. Ein britischer Stadtkommandant sagte einmal zu Frau Barowsky: "Sie sind eine Patriotin." Darauf sie: "Ich meine, ich habe ein Recht darauf." Er nickte: "Das müssen Sie!"

Sie glaubte immer an die Einheit, "aber ich wagte natürlich nicht zu hoffen, das zu erleben". Sie kennt ihn noch auswendig, den komplizierten Viermächte-Status der Stadt: "Wir wollten ja immer mehr als die Allierten, eine härtere Linie gegenüber dem Osten und die volle Einbeziehung Berlins in die Bundesrepublik." Doch im Rückblick lobt sie die Politik der Westmächte als "äußerst klug". Berlin gehörte nicht zum Bund, sondern wurde nur mit Einschränkungen so behandelt, "aber damit blieben wir das verbindende Glied in Deutschland." Sie vergisst aber nicht, dass die Einheit viele Väter und Mütter hatte, von der Entspannungspolitik Willy Brandts über Gorbatschow, der Erkämpfung der Freiheit in Polen, Tschechien, Ungarn, der DDR bis zu Helmut Kohl.

Energiegeladen, rhetorisch glänzend und sehr charmant - so kannte man die promovierte Ökonomin auf der politischen Bühne. Sie war auch Direktorin des Lettevereins. Und sie engagierte sich für die Aussöhnung mit den Juden. Ella Barowsky saß in den Vorständen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Gesellschaft für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit und der Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem, "aber das überlasse ich nun anderen."

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