Lichtenberg im Aufwind : Besser leben hinterm Ostkreuz

Der Bezirk Lichtenberg verändert sein Gesicht, die Stasi- und Nazi-Stigmata verblassen. Die Wohngegend gleich neben Friedrichshain wird immer beliebter. Familien und Kreative mieten sich ein.

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Immer mehr Cafés und Restaurant hauchen Lichtenberg neues Leben ein - wie das "Nadja + Kosta" im Kaskelkiez. Foto: Doris Spiekermann-KlaasWeitere Bilder anzeigen
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23.08.2010 12:08Immer mehr Cafés und Restaurant hauchen Lichtenberg neues Leben ein - wie das "Nadja + Kosta" im Kaskelkiez.

Es ist diese Kopfsteinpflasterkurve, in die sich Kosta „total verliebt“ hat. Am Ende des Kaskelkiezes zwingt sie den Zweiradfahrer in eine elegante Schräglage. Wer die Kurve nicht kriegt, strandet im luftigen Café „Nadja und Kosta“, erst vor zwei Wochen eröffnet, um den Zuzüglern das Gefühl zu geben, gut angekommen zu sein im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Lichtenberg? Dort, wo der Ostwind um die Plattenbauten pfeift, der rechte Mob marschiert und breite Autoschneisen alles Leben unter sich begraben? „Platte, Nazis, Stasi, das stand immer sofort im Raum“, sagt Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (Linke). Sie spricht von der Vergangenheit, die Klischees brechen langsam auf. Lichtenberg, das Land hinterm Ostkreuz, bekannt als Rückzugsort fürs Prekariat, vermeldet starken Zuwachs aus dem Mittelstand. Die Immobilienfirmen haben den Bezirk entdeckt. Mit der „Goldküste“ an der Rummelsburger Bucht fing es an, dann eroberten die Eigenheimer Karlshorst, jetzt wird das Hinterland aufgerollt. In einer denkmalgeschützten Schokoladenfabrik in Hohenschönhausen entstehen Lofts, die sich gut verkaufen. Sogar die berüchtigten Plattenbauquartiere funktionieren immer besser. „Die Leerstand-Quote liegt unter zwei Prozent“, sagt Howoge-Sprecherin Angela Reute. Und die Mieten im Bezirk steigen. Lichtenberg ist – im Gegensatz zu einigen Westbezirken – „nahezu durchsaniert“, sagt Emmrich. Man definiert sich als „energetischer Modellbezirk“, arbeitet an einem Klimaschutzkonzept.

Der Imagewandel ist auch das Ergebnis einer Image-AG, die seit drei Jahren daran arbeitet, die Lichtseiten des Bezirks publik zu machen und zu zeigen, „dass hier nicht nur arme Leute wohnen“ (Emmrich). Die Armen, die es gibt, wurden übrigens so erfolgreich integriert, dass es bislang nicht mal zu einem Quartiersmanagement-Gebiet reichte.

Eine Lichtseite Lichtenbergs ist der Kaskelkiez gleich hinterm Ostkreuz, mit Buchhändler und Graveur, mit Stuckfassaden aus der Gründerzeit wie in Prenzlauer Berg oder Friedrichshain. Die Kneipen heißen „Jelänger jelieber“, „Fidél“oder „Jas“ und kommen noch mit wenigen Tischen auf dem Gehweg aus. Man trifft Leute wie Marcel Wöhler, 29 Jahre, mit Sohn Lian, 9 Monate, zugezogen aus Marzahn, wegen der schönen Wohnung mit grünem Hinterhof. Wöhler ist Dachdecker, findet seine neuen Nachbarn, darunter Studenten und Freiberufler, „ziemlich locker“ und schätzt die Ruhe.

Hier gibt es keine lärmige Simon-Dach-Straße, keinen aufgetakelten Kollwitzplatz und keinen Catwalk Kastanienallee. Lichtenberger brauchen keinen Porsche, wie die prominenteste Lichtenbergerin, Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Linken, unlängst klarstellte, und arbeiten lieber im Stillen.

Was dabei herauskommt, ist ein Haushaltsüberschuss für 2009 von 9,5 Millionen Euro – Berliner Rekord. „Das war eine Hauruckaktion, um die Altschulden abzubauen“, sagt Emmrich. Bürgerstiftungen und -vereine sind entstanden, um gegen absteigende Kieze und rechte Aufmarschpläne zu kämpfen. Probleme wie Arbeitslosigkeit, Verwahrlosung von Jugendlichen und Gewalt in den Familien sind nicht vom Tisch, aber sie dominieren nicht mehr die Diskussionen.

Mitten in Lichtenberg entsteht ein großer Landschaftspark, 100 Hektar groß, erst vor kurzem als „ausgewählter Ort“ von der Bundesinitiative „Land der Ideen“ ausgezeichnet. „Vorher gab es hier vor allem Müll, große Brachen, leer stehende Gebäude und überall Barrieren“, erzählt Karlheinz Riedel, Vorsitzender des „Fördervereins Landschaftspark Herzberge“. Jetzt weiden 80 Schafe auf offenen Wiesen, Habicht und Knoblauchkröte haben sich angesiedelt. „Das zieht schon ein bisschen die Leute an.“

In der Umgebung wurden Plattenbauten modernisiert und als Eigentumswohnungen an westdeutsche Familien verkauft. Riedel als bekennender Kreuzköllner würde dort nicht einziehen, findet Lichtenberg wegen seiner „Gegensätzlichkeit“ aber interessant. Wo sonst gibt es ein vietnamesisches Einkaufszentrum, den Großmarkt Don Xuan an der Herzbergstraße, und das „Deutsche Fußballmuseum“ am Anton-Saefkow-Platz dürfte auch einmalig sein. Zur Fifa-WM schaute der arabische Sender Al Dschasira vorbei.

Mitten in den Wohntürmen des Tierpark-Viertels, einem überalterten und verarmten Kiez, haben sich 2005 die „Heikonauten“ niedergelassen, eine Gemeinschaft aus Designern, Fotografen und Modeschöpfern. Der Bezirk lockte mit einer günstigen Miete für eine dem Abriss geweihte Plattenbau-Kita. Und die Kreativen verließen ihre gewohnten Kreise. „Hier ist alles ganz ruhig, nicht so reizüberflutet“, sagt Grafikerin Karin Steger. Das fördere die Arbeitskonzentration.

Frank Dittert ist da schon weiter. Friedrichshain, wie es mal war, in der coolen Nachwendezeit, gebe es nur noch in Lichtenberg. Mit Kiezkantine und sozialen Einrichtungen. Deshalb ist Dittert, der 40-jährige Drucker mit Klassenbewusstsein, Tattoos und Knopfleisten-Shirt, nach vielen Jahren Friedrichshain wieder nach Lichtenberg gezogen, in den Weitlingkiez, der mal Angstzone war wegen der Nazi-Hooligans. „Die sind wohl nach Köpenick abgezogen“, meint Dittert. Jetzt lebt er hier „in aller Ruhe“, für 550 Euro warm auf sanierten 80 Quadratmetern, „nah am Zentrum“ und nicht zu weit nach Spandau, wo er arbeitet.

Janine Wagner, Mutter und Erzieherin, findet es hier angenehm ruhig und grün, wünscht sich aber mehr Spielplätze, die nicht von Trinkern besetzt sind, und mehr Kneipen, in denen nicht immer dieselben Gäste hocken. Wenn sie mal ausgeht, um „andere Leute zu sehen“, fährt sie nach Friedrichshain.

Die Einwohner und Struktur Lichtenbergs in Zahlen:

Die 260 000 Lichtenberger Einwohner verdienten im vergangenen Jahr ein Gehalt von durchschnittlich 975 Euro netto im Monat. Damit lagen sie im Bezirke-Ranking gemeinsam mit den Reinickendorfern auf Platz 6, vor Spandau, Friedrichhain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Auch bei der Zahl der Erwerbslosen hielt sich der Bezirk mit 10,8 Prozent im guten Mittelfeld.

Rund 150 Hektar der Bezirksfläche stehen unter Natur-, bzw. Landschaftsschutz. Jede zweite Wohnung im Bezirk ist im Besitz der Wohnungsbaugesellschaft Howoge. 80 Prozent dieser 110 000 Howoge-Wohnungen liegen in Plattenbauten. Eines dieser Gebäude wird besonders beworben. Die Howoge bezeichnet es als „Europa größtes Niedrigenergiehaus“.

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