Berlin : Lichter und Schenker

Jetzt leuchtet es wieder. Das kann auch nerven – nicht nur Klimaschützer

Stefan Jacobs

Heute Abend können sich die Sehnerven kurz erholen. Mehrere Umweltorganisationen rufen dazu auf, ab 20 Uhr dem Klima zuliebe genau fünf Minuten lang alle Lichter auszuschalten – auch die Weihnachtsbeleuchtung am Fenster und im Garten. Der Nachteil: Anschließend wird wieder munter weitergeblinkt.

Früher waren es die Silvesterknaller, die böse Geister vertreiben sollten. Seit einigen Jahren erledigen das leuchtende Weihnachtsdekorationen, die nebenbei die guten Geister gleich mit in die Flucht schlagen. Oder die Nachbarn zum Kauf neuer Jalousien veranlassen. „Ey, Weihnachtsmann, hierher!“, scheinen die Lichtorgeln in einigen Fenstern zu morsen. Das ist so besinnlich wie ein Einkaufssonntag im Advent. Forscher haben außerdem herausgefunden, dass unruhiges Licht den Schlaf stört. Muss sich also niemand wundern, wenn er nach vier Wochen Lichtsmog zu Heiligabend ziemlich urlaubsreif ist.

Aber Weihnachtszeit ist nicht Nörgelzeit, und der technische Fortschritt lässt die Beleuchtungen allmählich grüner werden: Im zeitgemäßen Fensterschmuck glimmen statt Glühlampen Leuchtdioden. Die können zwar jahrzehntelang ermüdungsfrei durchblinken, aber sie verbrauchen dabei fast keinen Strom. Wie groß das Sparpotenzial ist, lässt eine Prognose des Heidelberger Instituts für Energiedienstleistungen ahnen: 409 Millionen Kilowattstunden „Weihnachtsstrom“ wurden dort fürs vorige Jahr geschätzt; genug für den Gesamtbedarf von 140 000 Haushalten – und zwar von Januar bis Dezember.

Ist die eigene Weihnachtsbeleuchtung also ein schlechtes Gewissen wert? Eine Nachfrage bei Vattenfall ergibt ein klares Jein: Im Winter wird hierzulande zwar – anders als im elektrisch klimatisierten Süden – mehr Strom verbraucht als im Sommer, aber der Bedarf hängt eher vom Wetter als vom Fortschreiten des Advents ab. An kalten Tagen steigt der Verbrauch deutlich. Selbst im Sommer, wenn an einem zuvor sonnigen Tag ein Gewitter aufzieht, steige der Verbrauch in Berlin um etwa zwei Prozent. Außerdem in Fußballpausen (weil die zur Bierentnahme geöffneten Kühlschränke anspringen und Pizzen in Backöfen geschoben werden), aber das gehört nicht hierher.

Stattdessen ist es Zeit für gute Nachrichten: Nicht einmal am Heiligen Abend wird in der Stadt mehr Strom verbraucht als sonst. Das liegt zum einen daran, dass Läden und viele Betriebe ruhen. Zum anderen trifft man sich zu Weihnachten, so dass mehr Menschen unter einer Lampe sitzen als gewöhnlich. In Süddeutschland kennen Experten zusätzlich eine „Kirchgangsenge“, die jene Stunde bezeichnet, zu der das gläubige Volk in der Christmesse sitzt und deshalb zu Hause kaum Strom verbraucht.

Es sei denn, dort glüht unbekümmert der Vierspänner im Vorgarten, womit wir wieder am Ausgangspunkt wären. Lichtschläuche mit kleinen Glühlampen sind die größten Energiefresser, und ein Rudel leuchtender Rentiere kostet mehr Strom als der Kühlschrank im ganzen Jahr.

Forschungsbedarf gibt es noch bei der „Gänsebratenspitze“ am ersten Feiertag, die sich aus geheimnisvollen Gründen umso weiter in den Abend verlagert, je kälter es draußen ist. Aber auf so komplizierte Fragen kann sich ja kein Mensch konzentrieren bei diesem Geblinke vor dem Fenster. Stefan Jacobs

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