Berlin : Liebe deine Feinde

England, Ungarn, Österreich: Im Tagesspiegel-Salon ging es um Deutschlands Fußballgegner

Daniela Martens

Die Ungarn haben seltsame Denkmäler: 17 leere Sockel stehen etwa hinter dem ehemaligen Nationalstadion in Budapest. Kurz vor der Fußballweltmeisterschaft 1954 hat man sie dort aufgestellt. Die Ungarn waren sich sicher: Wir gewinnen das Endspiel. Danach sollten Statuen der 17 ungarischen Nationalspieler der „Goldenen Mannschaft“ die Sockel zieren. Doch dann geschah das, was die Deutschen „das Wunder von Bern“ nennen, die Ungarn aber nur „diese Angelegenheit da“: Die Deutschen siegten im Finale, die Sockel blieben leer.

Die Niederlage wurde zu einem nationalen Trauma und Deutschland zum Lieblingsfußballfeind Ungarns. „Sie, verehrte Deutsche sind für uns Ungarn eigentlich das Verderben“, so formuliert es der Journalist Peter Kasza. Am Donnerstagabend las der Berliner und Halb-Ungar über Ungarn und Deutschland – aus dem Buch „Der Lieblingsfeind. Deutschland aus der Sicht seiner Fußballrivalen“. Er ist einer von sieben Autoren, die über Fußball, ihr eigenes Land und Deutschland geschrieben haben. Kasza lehnt in einem Camping-Klappsessel auf der Bühne des Lido-Clubs an der Cuvrystraße in Kreuzberg. Neben ihm sitzt Herausgeber Markus Hesselmann, Ressortleiter der Tagesspiegel-Sportredaktion. Der Nordire Cristopher Young, Germanist an der Universität Cambridge, ist der zweite Herausgeber. Und er erklärt in einem Kapitel, dass die englischen Witze über deutschen Fußball eigentlich gar nicht so böse gemeint seien. Der Österreich-Korrespondent des Tagesspiegels, Markus Huber, liest über „das eigenartige Verhältnis“ zu Deutschland: Welches andere Land erklärt schon einen deutschen Spieler zum Volkshelden, weil der zu ihren Gunsten daneben schießt? Der österreichische Kommentator jedenfalls wollte den „armen, braven“ Rüdiger Abramczik am liebsten „abzusseln“, nachdem sein Fehler der österreichischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien zum Sieg verholfen hatte.

Zusammen seien sie auf der Bühne eine richtige „Südkurven-Crowd“, sagt Lorenz Maroldt. Der Chefredakteur des Tagesspiegels sitzt in der Mitte und moderiert die Veranstaltung. In der Südkurve der Lieblingsfeinde fehlt zwar ein Holländer. Dafür gibt es von „eßkultur“ ein Gericht aus der VIP-Lounge der niederländischen Mannschaft: Matjes.

Der HSV-Fan Dirk König ist nach der Lesung begeistert: „Viele Details wie die Sockel-Geschichte kannte ich noch nicht, obwohl ich tief in der Materie stecke“. Dagmar Robbel ist „völlig fußballunbegeistert“ und wollte das Unbekannte verstehen lernen. Dass man sich wie die Ungarn über eine Niederlage im Fußball so lange aufregen kann – das bleibt ihr allerdings ein Rätsel.

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