Liebe in Berlin : "Unglücklich in der freien Wildbahn"

Kaum jemand kennt sich so gut mit dem Nachtleben in Berlin aus wie Carsten Regel. Als Gründer des legendären „Muschi Obermaier“ steht er in der ersten Reihe, wenn sich Menschen kennenlernen. Was ihn das über die Liebe gelehrt hat.

von und Johannes Laubmeier
Sieht aus wie ein harter Kerl - kennt sich mit der Liebe aber bestens aus: Bargründer Carsten Regel.
Sieht aus wie ein harter Kerl - kennt sich mit der Liebe aber bestens aus: Bargründer Carsten Regel.Foto: Maximilian Zeitler

Sind Sie gerade verliebt?

Carsten Regel: Verliebt bin ich eigentlich immer. Nicht unbedingt immer in Frauen. Manchmal auch in Projekte, in Filme, in Nightclubs. Im Nachtleben verliebt man sich alle fünf Minuten. Das ist ja eines der Probleme.

Als jemand, der das Nachtleben gestaltet, sind Sie ja sowas wie ein Experte fürs Verlieben, oder?

Man hat in einem Nachtclub wie dem Muschi Obermaier ein unglaubliches Beobachtungspotenzial. Da kann man prima Feldforschung betreiben – das ist ein schöner Nebenaspekt meiner Arbeit. Was da an Leuten im Jahr an einem vorbei rattert, das ist ungefähr ein Olympiastadion voller Mädels. Da hat man natürlich schon einen gewissen Überblick darüber, wie die so drauf sind, wie die sich benehmen, welche Präferenzen da sind.

In letzter Zeit ist mobiles Online-Dating in Mode gekommen. Sind Clubs und Bars überhaupt noch die Orte, wo man hingeht, um jemanden zu treffen?

Da trifft man sich dann heute im Notfall, nachdem man sich über Tinder kennengelernt hat. (Lacht) Ich sag’s ganz ehrlich, ich finde, dass Tinder seine Berechtigung hat, aber für mich wäre das nichts. Das erinnert mich immer ein bisschen an Frauen aus dem Katalog aussuchen. Da bin ich vielleicht zu Old School.

Manche sagen: In Bars und Clubs entstehen eh keine dauerhaften Beziehungen.

Das halte ich für grundverkehrt. Klar hab ich das schon gehört: „Wen man im Nachtleben kennen lernt, der kann ja nichts sein.” Verstehe ich aber nicht. Als ob in der S-Bahn andere Menschen rumlaufen als in der Bar. Man kann die coolste Frau der Welt im Schwimmbad kennenlernen, im Supermarkt oder eben im Nightclub.

Aber am besten geht es im Club, Ihrer Meinung nach?

Ja. Das Nachtleben hat schon einen anderen Stellenwert, was die Partnersuche angeht. Leute, die wirklich jemanden suchen, sagen sich: „Jetzt ziehe ich mal zwei, drei Nächte los und schaue, was so geht.” Und nicht: „Okay, jetzt gehe ich mal zwei, drei Tage  im Grunewald joggen und schaue mich da um.”

Wie konservativ wird bei Ihnen im Club geflirtet? Spendieren da Männer Drinks und halten Türen auf?

Ich glaube, damit wird heute spielerischer umgegangen, von Männern wie von Frauen. Männer fühlen sich auch gut, wenn die Frau zahlt, das wird nicht als Schande empfunden. Trotzdem zieht natürlich die gute alte Gentleman-Nummer noch. Manche Männer unterschätzen das. Selbst die flippigste Frau findet es gut, wenn du ihr in den Mantel hilfst, für sie bezahlst oder ihr die Tür aufhältst. Als Geste funktioniert das immer.

Beim Mädchen-und-Jungs-Spiel gibt es heute kaum noch Zwänge und Konventionen. Macht das die Menschen eigentlich glücklicher?

Das ist die große Frage. Früher war man unglücklich, weil man unfrei war, war unzufrieden in seinem Häuschen im Grünen und in seiner Ehe. Heute sind die Probleme andere. Man hat extreme Wahlmöglichkeiten, gleichzeitig denkt man sich: Millionen von Menschen in einer Stadt, und für mich ist nicht der Richtige dabei, gibt’s das? Ich habe das Gefühl, dass die Leute das Unglücklichsein im Käfig gegen ein Unglücklichsein in der freien Wildbahn getauscht haben.

Sie haben lange in Hamburg gewohnt - funktioniert Liebe da anders als in Berlin?

Es ist natürlich an jedem Klischee was dran. Berlin ist die Hauptstadt der Singles. Das liegt vielleicht auch daran, dass Berlin als Stadt ein bisschen freier ist. Hamburg ist mehrheitlich konservativ, bürgerlich und bieder, die gesellschaftlichen Konventionen sind andere. Du hast deine Arbeit und deinen Partner, hast irgendwann Kinder, ein Häuschen oder eine Eigentumswohnung - relativ konfektionierte Angelegenheit. Auf der anderen Seite gibt es Städte wie Berlin, wo es etwas libertärer, ein bisschen lockerer zugeht. Durch die Vielfalt und die vielen Möglichkeiten hast du da eine enorme Freiheit, aber die Kehrseite der Medaille ist eine gewisse Bindungslosigkeit, auch Bindungsunwilligkeit.

Einige glauben, in Berlin kann man sich gar nicht richtig verlieben, weil ständig neue Eindrücke auf einen einprasseln.

Hängt davon ab, wie man individuell gestrickt ist. Klar, manche haben immer das Gefühl: Oh, ich verpasse was, wenn ich heute nicht ausgehe, heute sind wieder alle am Trinken und am Feiern, neue Mädels, neue Typen, bambambam! Wenn man sich vom Eventcharakter des Nachtlebens so kirre machen lässt, hält man es natürlich zu Hause auf dem Sofa mit seiner Kuschelbeziehung nicht aus.

Clubs sind also gut zum Kennenlernen, aber Gift für Beziehungen?

Nachtleben und Beziehung – das ist, als würdest du ein Autorennen in einer verkehrsberuhigten Zone veranstalten. Entweder du drückst auf die Tube, oder du achtest auf die Straßenverkehrsordnung, beides zusammen geht nicht. Deshalb muss man sich in der Großstadt selbst justieren, man muss sich manchmal sagen: Come On, es ist nicht schlecht, jetzt einfach ein bisschen zu kuscheln, einen Liebesfilm zu gucken, vielleicht noch ein bisschen zu vögeln. Haben wir zwar schon oft gemacht, aber ich muss jetzt auch nicht zum 259sten Mal ins "Kingsize" (das mittlerweile geschlossen hat, Anmerkung der Red.).

 Lohnt sich Verliebtsein überhaupt?

Ja, klar! Das ist eine wahnsinnig intensive Lebenserfahrung, die ich immer verteidigen würde.

Carsten Regel ist seit 25 Jahren im Bargeschäft, vor acht Jahren gründete er mit einem Freund die legendäre Bar "Muschi Obermaier" in Mitte. Über Beziehungsprobleme hat er bereits ein Buch geschrieben. Derzeit arbeitet er an einem Film mit dem Titel "Wie Männer über Frauen reden".

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