Berlin : Liebe macht auch frei

Günther Kaufmann ist aus der Haft entlassen. Er bekommt einen neuen Prozess. Und will jetzt in Berlin leben

Fatina Keilani

Es muss die wahnsinnige Liebe zu seiner Frau gewesen sein, die Günther Kaufmann zu dem Geständnis trieb, er habe jemanden umgebracht. Hörigkeit nannte es der Anwalt, der jetzt nicht mehr Kaufmanns Anwalt ist. Kaufmann, der Fassbinder-Schauspieler, heute 56 Jahre alt, fast drei Jahre Gefängnis hat er hinter sich, seit Dienstagabend ist er frei. Er hat seinen alten Freund, den Münchner Steuerberater Hartmut Hagen, damals 60 Jahre alt, nicht umgebracht. Dass dies ans Licht kam, verdankt sich ebenfalls der Liebe: Einer der drei mutmaßlichen Täter beichtete seiner Geliebten die Tat. Nun bekommt Kaufmann einen neuen Prozess, und die drei mutmaßlichen Täter auch.

Die Geschichte könnte ein Spielfilm sein, Dramatisches und Rätselhaftes für den Thrill gibt es darin genug. Das Ehepaar Kaufmann soll Hartmut Hagen um rund 400 000 Euro erleichtert haben, um die teuren Medikamente für Kaufmanns krebskranke Frau Alexandra bezahlen zu können. Das drohte aufzufliegen. Im Februar 2001 wird Hagen umgebracht. Er wird erstickt durch Eindrücken seines Brustkorbes. Kaufmann legt ein Geständnis ab. Er habe sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf Hagen geworfen, das waren damals 117 Kilo. Das Gericht hat Zweifel, denn am Tatort sind DNA-Spuren gefunden worden, die nicht zu Kaufmann gehören. Alexandra kann man nicht fragen, sie ist mittlerweile tot. Aber es ist ja ein Geständnis, und wer würde ohne Not so etwas Schreckliches gestehen? Kaufmann wird zu 15 Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Der Prozess ist in München, Kaufmann lässt sich nach Berlin-Tegel verlegen, weil in Berlin seine Tochter wohnt.

Das Urteil macht nur einen Tag lang Schlagzeilen, dann wird es still um Kaufmann. Von da an gibt er dem Gefangenenensemble „AufBruch“ im Knasttheater von Tegel als alter Profi neue Impulse.

Im August nimmt der Fall eine spektakuläre Wende. In Berlin werden drei Männer verhaftet, die in den Todesfall verwickelt sind. Die am Tatort gefundene DNA-Spur gehört einem von ihnen. Die Männer gestehen die Tötung und sagen, Kaufmanns Frau habe sie angestiftet. Einem der drei, Heinz K., gehört der Turnschuh, der unter der Leiche gefunden wurde. Heinz K. wiegt 130 Kilo.

Kaufmann hatte in seinem Prozess die drei Männer, Heinz K., Hans-Joachim U. und Wolfgang N., nicht belastet, dafür aber zwei andere Unterweltgrößen der Mittäterschaft bezichtigt, obwohl sie unschuldig waren. In der Hauptverhandlung nahm er das zurück.

Hans-Joachim U. war der Geliebte von Kaufmanns Frau Alexandra. Kaufmann wusste das nicht; es ist im Prozess ein Schlag für ihn. Er bleibt dennoch bei seinem Geständnis, obwohl das jetzt nicht mehr seiner Frau, sondern nur noch dem Nebenbuhler nützt. Alexandra soll U. beauftragt haben, die Villa des Steuerberaters auszuräumen und ihn möglicherweise zu töten. U. kannte sich mit sowas aus, er hatte schon mehrere Haftstrafen hinter sich. K. und N. sind seine Freunde.

U. ist heute von den drei Beschuldigten der einzige, der nicht zugibt, dass Hagen tot war, als das Trio dessen Villa verließ. K. und N. dagegen sind nach Angaben von Kaufmanns Anwalt Robert Unger geständig und sagen einmütig: „Als wir gingen, war er tot.“

Die Verteidiger Robert Unger und Matthias Gerbeit holten Kaufmann am Dienstagabend aus der Haft. Der Schauspieler will nach Berlin ziehen; er sucht eine Wohnung. Die drei Männer werden vermutlich im Dezember in München vor das Schwurgericht gestellt, wegen Raubes mit Todesfolge. Ob Kaufmann einen Tatbeitrag geleistet hat, wird sich hier zeigen. Voraussichtlich danach wird sein Prozess wieder aufgenommen, und zwar in Augsburg. Dorthin hat München alle seine Wiederaufnahmeverfahren ausgelagert. Vermutlich wird Kaufmann vom Vorwurf der Tötung freigesprochen. Dann bleibt nur noch die Freiheitsberaubung an den beiden Unschuldigen abzuhandeln, und es herrscht wieder Stille – bis aus dem Stoff ein Film wird.

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