Berlin : Lieber eine Mama mit Fehlern als gar keine Mama

Die Antidrogenstiftung Synanon braucht unbedingt Geld für ihren Kinderbereich

G,a Bartels

So viele Bewerbungen gab es für unsere Weihnachtsspendenaktion noch nie: Mehr als 160 Mappen von sozialen Vereinen gingen ein. Der Spendenverein hat alle sorgsam gesichtet und geprüft. Wegen der großen Nachfrage werden wir in diesem Jahr noch mehr Projekte bedenken. Derweil mehren sich die Anrufe von Lesern, die Sachspenden anbieten oder persönlich helfen wollen. In den nächsten Tagen stellen wir ausgewählte Projekte vor – und bitten Sie, liebe Leser, um Spenden. Heute: Eine Hilfe der Stiftung Synanon für drogenabhängige Mütter und Ihre Kinder.

Für Melanie Willming und ihre drei Kinder war’s fünf vor zwölf. Im Juli ist die 32 Jahre alte Hausfrau direkt aus der Untersuchungshaft in Osnabrück ins Synanon-Haus nach Berlin gekommen. Hinter ihr liegen 15 Jahre harter Drogenkonsum. Und weil sie Heroin und Kokain zuletzt nicht nur nahm, sondern auch damit dealte, wurde sie zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die verbringt sie nach dem gesetzlichen Grundsatz „Therapie statt Strafe“ jetzt bei Synanon. „Ich wollte meine Kinder nicht verlieren“, sagt Melanie Willming. Woanders hätte sie auf einen Therapieplatz mit Kindern ein halbes Jahr warten müssen. „Und das kann für eine Junkie-Mutter den Tod bedeuten.“

Die Antidrogenselbsthilfe Synanon in der Bernburger Straße in Kreuzberg nimmt Junkies oder Alkoholiker sofort und rund um die Uhr auf. 750 Menschen haben hier vergangenes Jahr Hilfe gesucht, darunter 22 Kinder von drei bis fünfzehn Jahren. „Es kommen jetzt immer mehr Frauen mit Kindern“, sagt Vorstandsmitglied Michael Frommhold. Viele seien in akuter Not, ohne Wohnung, oder Gewalt ausgesetzt. „Deswegen brauchen wir unbedingt Spenden, um drei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer für zwölf Kinder einzurichten.“ Mit kindgerechten Schreibtischen, Stühlen, Betten und Schränken. Damit sich die oft verstörten und schutzbedürftigen Kids endlich wohl und sicher fühlen.

Lorena, mit ihren fast 12 Jahren die älteste und nachdenklichste der drei aufgeweckten Willming-Kinder, findet’s „in Ordnung“, im Synanon-Haus zu leben. Celina, neun Jahre, meint, es wäre „schön“ und der siebenjährige Joel sagt bündig „gut“ zu seinem neuen Zuhause. Nur das Zimmeraufräumen und der geregelte Tagesablauf wären nervig. Am Anfang hätten sie alle geweint und dolles Heimweh gehabt. Nach Papa, der nicht mit der Drogenszene gebrochen hat, und deswegen nicht zu Besuch kommen oder anrufen darf. Und sie hatten Sehnsucht nach Omas, Freunden und Tanten, kurz dem heiß geliebten Zuhause. „Ich bin immer noch oft sauer, dass wir herkommen mussten“, sagt Lorena, „dann bin ich zickig und beschimpfe meine Mama.“

Melanie Willming macht sich jede Menge Vorwürfe, dass sie ihren Kindern ein Leben mit drogenabhängigen Eltern zugemutet hat. Die Erziehung vernachlässigt, ihnen statt Aufmerksamkeit lieber Geld gegeben hat, um sie aus dem Weg zu haben. „Die Schuldgefühle und Zweifel sind immer da“, sagt sie. Sie habe auch oft darüber nachgedacht, ob es nicht besser für die Kids wäre, ohne sie aufzuwachsen. „Aber dann hab’ ich mich entschieden, lieber eine Mutter mit Fehlern als gar keine Mutter zu sein.“ Fünfzehn Jahre hätte sie sich ihr Leben schöngeredet und gelogen und gedealt. „Damit ist jetzt Schluss. Jetzt will ich hier zwei Jahre lang lernen, ohne Drogen zu leben. Und mein Name kann ruhig in der Zeitung stehen.“ Wie die Kinder ihre Mutter jetzt finden? „Sie hat sich verändert, auf jeden Fall“, sagen Lorena, Celina und Joel und schmiegen sich eng an ihre Mama.

Das Konto: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, Kto.- Nr. 25 00 30 942, BLZ 100 500 00. Onlinebanking ist möglich. Notieren Sie Namen und Anschrift für den Spendenbeleg. Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion.

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