Berlin : "Lieber Hertha auf Türkisch als Bayern auf Deutsch"

Suzan Gülfirat

Sogar Außenminister Joschka Fischer und sein türkischer Kollege Ismail Cem sind heute um 20.45 Uhr im Olympiastadion dabei, wenn Hertha BSC in der Champions League Spiel gegen Galatasaray Istanbul spielt. Doch Horst Riess aus Schöneberg bleibt zu Hause. Dabei ist er ein echter Hertha-Fan. "Als ich jung war, machten mir die Stadion-Besuche bei Wind und Wetter und die damit verbundenen Strapazen nichts aus. Aber jetzt ist es mir zu anstrengend, ins Stadion zu gehen", sagt der 60jährige. Da ärgert es ihn, dass er das Spiel zu Hause erst um 23 Uhr präsentiert bekommt, noch dazu als Zusammenfassung. Denn der Privatsender TM3, der die Fernsehrechte an der Champions League besitzt, hat nach einer Telefonaktion entschieden, das Spiel Bayern München gegen den PSV Einhoven live und das Hertha-Spiel später zu senden. Doch Riess weiß Rat: "Lieber Hertha auf Türkisch als Bayern auf Deutsch", sagt er sich und lässt seinen Fernseher an diesem Abend an die Satellitenanlage seines türkischen Nachbarn anschließen (siehe Infokasten).

Das erste Spiel Galatasaray gegen Hertha in Istanbul am 15. September, das auch nicht live im deutschen Fersehen übertragen wurde, hatte er damals mit ihm zusammen auch im türkischen Satellitekanal angesehen, aber nun geht der Nachbar selbst ins Olympiastadion. Für viele Türken ist das Spiel, trotz des verheerenden 0:5 ihrer Mannschaft gegen den FC Chelsea, ein Ereignis. Denn 16 Jahre ist es nun her, dass eine türkische Mannschaft im Olympiastadion aufgetreten ist. Damals gewann Deutschland das Spiel für die Qualifikation zur Europameisterschaft gegen die Türkei mit 5:1. Auch dieses Mal geben selbst überzeugte Galatasaray-Fans ihrer Mannschaft kaum Chancen. Und vielleicht ist auch das Datum ein böses Omen für sie: Auch damals fand das Spiel genau am 26. Oktober statt. "Viele, die ich kenne, haben ihre Karten weiterverkauft", sagt Eren Akpinar, Mitarbeiter im türkischen Szenetreff "Nostalije", wo das Spiel, das im türkischen Privatkanal Star-TV live gesendet wird, heute Abend auf einer kleinen Leinwand verfolgt werden kann.

Ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion für Hertha, wie beim Spiel Deutschland gegen die Türkei in München, ist nicht nur deshalb diesmal nicht zu befürchten. 20 000 Dauerkarten sind ohnehin fest in den Händen von Hertha-Fans. Und: "Der eine oder andere türkische Berliner hat seine bestellte Eintrittskarte immer noch nicht abgeholt", sagt Karin Dersche vom Hertha-Fan-Shop in der Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Passage. Die Nachfrage nach Eintrittskarten von türkischen Berlinern habe sichtlich nachgelassen. Insgesamt gibt es nach Auskunft der Hertha-Geschäftsstelle noch 8000 Karten. Um neun Uhr öffnet deshalb heute am Osttor die "Frühkasse", um 18.30 dann an allen Eingängen die Abendkasse.

Die Mitarbeiter des türkischsprachigen Privatradios Radyo Metropol FM wollen auf jeden Fall ins Stadion. Der Sender wird wohl an diesem Abend nur mit einer Notbesetzung arbeiten müssen: "Wir werden fast alle hingehen", sagt Mitarbeiter Kutay Gül. Auch für einen anderen Galatasaray-Fan ist der schwindende sportliche Wert des Spiels kein Grund, seine Karten zu verkaufen. "Hätte ich noch keine Karte gekauft, wäre ich vielleicht zu Hause geblieben. Aber jetzt möchte ich die Spieler sehen und die tolle Atmosphäre genießen", sagt er. Die Frage, für wen die mit Galatasaray verfeindeten Fenerbahçe-Istanbul-Fans die Daumen drücken werden, ist für Tefik Akcor vom Fußballclub Türkiyemspor in Kreuzberg vollkommen klar. "Das ist eine nationale Angelegenheit und keine Frage des Vereins." Nur wenige Fenerbahçe-Fans seien so fanatisch, dass sie sich das Spiel nicht anschauen oder gar Hertha die Daumen drücken werden, vermutet er.

Eine besondere Aktion für alle Fans hat sich der Sportartikel-Hersteller Nike einfallen lassen. Am Tag nach dem großen Spiel, am Mittwoch ab 12 Uhr 30, wird der türkische Galatasaray-Stürmer Hakan "Sükür, Fußballidol und der Held aller Kinder in der Tükei, im Nike Town Berlin, in der Tauentzienstraße 7b bis c in Charlottenburg, Autogramme verteilen. Ab 14 Uhr 30 dürfen dann, wenn "Sükür seine Sprunggelenks-Verletzung auskuriert hat, Berliner Kinder mit ihm auf dem Boltzplatz in der Kreuzberger Adalbertstraße (Ecke Waldemarstraße) Fußball spielen.

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