Berlin : Liebesnot

Henrik Mortsiefer

Bevor sich Sándor Márai am 15. Januar 1989 in San Diego eine Kugel in den Kopf schoss, glaubte er, literarisch schon tot zu sein. Seine Erfolge als Schriftsteller lagen fast ein halbes Jahrhundert zurück, in seiner Heimat Ungarn war er geächtet, seine mehr als 20 Romane schienen vergessen.

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Seit einigen Jahren wird Márai mit Begeisterung neu entdeckt. Die wichtigsten Titel liegen deutsch übersetzt vor, jetzt auch die „Schule der Armen“. Der Essay ist etwas für Fortgeschrittene; den Einstieg in Márais Werk erleichtert der „Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen“ nicht. Der ironische Text über die Mühen der Armut in der bürgerlichen Gesellschaft zeigt einen politischen Márai. Wie lassen sich Tugend und Würde bewahren, wenn die materiellen Grundlagen fehlen und die Kluft zwischen Arm und Reich unüberwindbar scheint? Seien es Fragen der Kleidung, des Essens oder der Liebe – Márai seziert Ende der dreißiger Jahre die Kehrseite der Industriegesellschaft so bitter, dass einem die Exaltiertheit auf die Nerven gehen könnte – wüsste man nichts von seinen wunderbaren Romanen. Wer „Die Glut“ oder „Die Fremde“ kennt, findet sich auch mit diesem Márai zurecht.

Denn der Autor bleibt seinem Thema treu: den Rissen in den Fassaden des bürgerlichen Lebens. Ehen, Freundschaften, Familien – Márais Figuren suchen und sehnen sich danach und sind doch selten glücklich. Sie leiden, werden irre an den Verhältnissen und folgen kompromisslos inneren Zielen, die sie wieder aus den Augen verlieren. Márai kann seinen erzählerischen Reichtum in der „Schule der Armen“ nicht ausbreiten. Doch wer süchtig nach seiner Sprache ist, wird sich auch für diesen bissigen Essay begeistern.

Sándor Márai: Schule der Armen. Ein Leitfaden für Menschen mit geringem Einkommen. Aus dem Ungarischen von Tibor Podmaniczky. Piper Verlag, München. 170 Seiten, 16,90 €.

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