Berlin : Liebestod in Insellage

In diesen Wochen kann man „Aida“ gleich doppelt erleben: Intim inszeniert von Günter Roth vor der Alten Nationalgalerie und pompöser in der Waldbühne

Aliki Nassoufis

Elefanten auf der Museumsinsel? Da sei der Denkmalschutz vor. Nein, wenn morgen und übermorgen die schöne Sklavin Aida vor der Kulisse der Alten Nationalgalerie den Liebestod stirbt, wird kein Dickhäuter mit Trompetentönen die Zuschauer bei diesem Schauspiel stören.

Macht nicht, Verdis berühmte Oper wird ohnehin viel zu sehr mit der Stimmungslage des Triumphmarsches assoziiert, während es doch vor allem um eines geht: die Liebe, die sich über den Krieg hinwegsetzt – und genau daran scheitert. „Aida“ sei ein intimes Werk zwischen einigen wenigen Personen, sagt Günter Roth, der die Oper auf der Museumsinsel inszeniert hat. Das Werk sei gerade deswegen immer noch aktuell und passe gerade in eine Großstadt wie Berlin, in der Intimität rar sei. „Was damals tragisch war, hat auch heute nichts von seiner Tragik verloren.“

Dafür gibt es Kultur um so reichlicher, „Aida“ innerhalb weniger Wochen gleich zweimal, erst jetzt auf der Museumsinsel, am 14. August dann in der Waldbühne. Nur die Museumsinsel-Inszenierung stammt auch von einem Berliner: Günter Roth, ehemals Professor an der Universität der Künste, arbeitete schon an der Wiener Staatsoper und der Mailänder Scala. Seit 1997 führt er Regie bei den Loreley Festspielen. „Carmen“, „Die Zauberflöte“ und „La Traviata“ hat er dort schon aufgeführt. Dieses Jahr hat er sich Giuseppe Verdis „Aida“ vorgenommen.

Mehrere Monate arbeitete Roth an der neuen Inszenierung, die im Passionstheater Oberammergau Anfang Juli Premiere feierte. Seitdem tourt sie durch Deutschland. Für den gebürtigen Hannoveraner ist es bereits die dritte „Aida“-Inszenierung. Alle Aufführungen finden auf Freiluft-Bühnen statt. „Da muss man umdenken“, sagt Roth. „Moderne Mittel des Theaters wie eine versenkbare Bühne funktionieren hier natürlich nicht.“ Für ihn als Regisseur machte das den besonderen Reiz aus, ein historisches Stück für ein modernes Publikum zu inszenieren. „Außerdem suchen die Besucher von Open-air-Veranstaltungen nicht nur musikalischen Genuss, sondern auch den Eventcharakter“, sagt Roth. Da vertraut er voll und ganz auf die großartigen Kulissen: Vor der Alten Nationalgalerie und umgeben von Säulen-Arkaden – das sei eine ideale Symbiose aus historischem Stück und historischem Ort. Hinzu kommen die Original-Kostüme der Kairoer Oper und am Sonnabend als Stargast die Sopranistin Michèle Crider, die die Rolle der Aida singen wird.

Doch schon in wenigen Wochen wird in der Waldbühne eine andere Inszenierung der VerdiOper aufgeführt werden. Vergleicht man die beiden, so wirkt es ein wenig wie der Kampf David gegen Goliath: Für die Waldbühne gibt es 18000 Tickets, für die Museumsinsel nur 3000 pro Abend.

Und während auf der 600 Quadratmeter großen Waldbühne 220 Statisten, Solisten, Chorsänger und Musiker stehen werden, sind es auf der 170 Quadratmeter großen Bühne der Museumsinsel gerade mal die Hälfte. Dies hat Folgen für das Bühnenbild: Obwohl beide Inszenierungen nicht nur für Berlin konzipiert wurden, wird für die Waldbühnen-„Aida“ extra ein größeres Bühnenbild angefertigt. So soll dort eine zwölf Meter hohe Pyramide zu sehen sein. Und da Verdis Oper in Ägypten spielt, überlegen die Waldbühnen-Veranstalter noch, ob sie nicht auch noch einen Graben für den Nil einplanen sollen.


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Veranstaltung bestellenMit diesen Dimensionen kann Roth nicht mithalten. Will er auch gar nicht. Berlin sei groß genug für zwei unterschiedliche Aufführungen. „Meine Aida folgt einem völlig anderen Gedankengang“, sagt er. „Ich möchte Aida-Kenner zufrieden stellen.“ Und er ist optimistisch, dass ihm das gelingt. Denn er sieht in der überschaubaren Größe der Museumsinsel ganz klar den Vorteil seiner Inszenierung. „Das wird dem intimen Charakter des Stückes viel gerechter.“

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