Berlin : Liebling Osten

Zwei aus einem Bezirk: Ein Kabarettist und eine Obdachlosenärztin bleiben ihrem Plattenbaubezirk treu. Peter Ensikat schwärmt von Grün und Seen, Kirsten Falk vom gut nachbarschaftlichen Zusammenhalt

Christian van Lessen

Zu Hohenschönhausen sagt der Schriftsteller und Kabarettist Peter Ensikat auf Anhieb nur zwei Worte: Stasi und Plattenbau. Die Worte haben sich den Bewohnern eingeprägt – ein Ruf, der kaum abzuschütteln ist. Dort, wo Ensikat seit Jahrzehnten lebt, ist der Bezirk fast dörflich. Es gibt noch etliche graue Gebäude, in denen niemand wohnt, aber auch frisch verputzte Einfamilienhäuser, viel Grün und idyllische Gewässer wie den Orankesee. Der ist wegen der„Eisbader“ stadtbekannt geworden. Klischees – sichtbar sind sie hier nicht.

Die Plattenbauten scheinen entrückt zu sein. Und woran erkennt man ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit? In der Gegend wohnten viele hohe Stasi-Generäle – heute alte Männer, vor denen keiner mehr Angst habe, sagt Ensikat. „Das zeichnet doch auch die Demokratie aus, dass sie hier unbehelligt leben können.“ Viele sind weggezogen, andere sitzen auf Parkbänken, füttern die Enten. Bevor die Stasi kam, wohnten hier viele Russen, davor Gestapo-Leute, und vor den Nazis war es das „Fleischerviertel“. Ensikat wohnt in einem einstigen Fleischerhaus. „Es ist ziviler geworden in Hohenschönhausen“, sagt der 65-Jährige. Viele offenbar begüterte Familien seien zugezogen.

Es weht ein frischer Wind durch die Lindenstraße, die Obersee- oder die Waldowstraße. Es gibt sogar Leute, die bauen sich Einfamilienhäuschen im bayrischen Stil.

Vor 30 Jahren war das ein wenig anders. Da wurde Ensikat beim Einzug stutzig, weil auffallend viele Westautos mit Ostnummern herumfuhren. Und weil die Häuser auf einer Straßenseite keine Namensschilder hatten. Vorbei. Die Straßen des Bezirks sind einladender geworden. Es gibt Pläne, die Gegend zu beleben, etliches ist verwirklicht. In die ehemalige Polizeidienststelle zog die Musikschule ein. Das alte Gutshaus, einst Entbindungsstation und von den Bewohnern „Schloss“ genannt, ist fast das einzige wirklich alte Bauwerk der Gegend. Es soll Kulturzentrum werden. Dafür engagiert sich Peter Ensikat wie viele andere, vor allem Arbeitslose. Das Schloss ist eine Vision, an die viele Bewohner glauben. „Es gibt hier nicht viel Kultur.“

Es habe „schon viele hundert Versuche“ gegeben, die Hauptverkehrsader Konrad-Wolf-Straße zu beleben. Aber es gebe zu viele Billigläden. Zu Ost-Berliner Zeiten hielten hier etliche private Händler durch, hofften auf die Wende – auch die wirtschaftliche. Aber vergeblich. „Alle eingegangen“, sagt Ensikat. Das gastronomische Angebot sei mau. Am Orankesee freut er sich über den „wunderbaren Biergarten“, der aber schon mehrmals abgebrannt ist.

Orankesee, Obersee, Fauler See – das sind Orte, bei denen Peter Ensikat ins Schwärmen gerät. Das Schloss, die Parkanlagen, die Seen – das sind für ihn Gründe, hier wohnen zu bleiben. Es ist ruhig. Und wenn es zu ruhig wird – mit der Straßenbahn 5 sind es höchstens zwanzig Minuten bis zum Alex.

Klischees können auch langweilig werden. „Ich wohne ausgesprochen gern hier,“ sagt er.

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