Berlin : Lied der Steinzeit

Urige Flötentöne: Auf der Schwäbischen Alb wurde schon vor 37000 Jahren musiziert

Michael Zick

„Noch vor sechs Monaten hätte ich voller Überzeugung gesagt: nein, das gibt es nicht", bekennt der Tübinger Archäologe Nicholas J. Conard. Seine Mitarbeiterin Maria Malina blieb offenbar hartnäckig und puzzelte aus 31 Elfenbeinsplittern eine funktionierende Flöte zusammen. Der entlockten Musikanten vor rund 37000 Jahren klangvolle Töne. Gefunden wurden die Überreste des filigranen Instruments in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb.

Das prosaisch „Flöte 3“ genannte Gerät wurde am gestrigen Donnerstag von den Altertumsforschern der Universität Tübingen vorgestellt. Es ist nicht nur das älteste bekannte Musikinstrument, sondern auch ein technisch hochstehendes Produkt bislang unbekannter Machart und Qualität: Der Künstler der grauen Vorzeit hat zunächst ein Stück spröden Mammutstoßzahn zurechtgeschnitzt, den Rundling dann – wie auch immer – längs halbiert, ausgehöhlt und mit mindestens drei Grifflöchern versehen.

Vermutlich hat er die beiden Hälften mit Birkenpech, dem Pattex der Altsteinzeit, zusammengeklebt. Zahlreiche Kerbungen rundherum lassen vermuten, dass das Gerät zusätzlich mit Tiersehnen oder Pflanzenfasern luftdicht zusammengeschnürt wurde. Ein Nachbau aus Holunderholz bewies die musikalische Potenz des altsteinzeitliche Instruments: Der Presse wurden die üblichen quengeligen Blockflötentöne vorgespielt.

Flöte 3 hat zwei Vorgänger ähnlichen Alters, jedoch sind die aus von Natur aus hohlen Tierknochen hergestellt, also vergleichsweise einfach anzufertigen. Das jetzt rekonstruierte Instrument vervollständigt nicht nur das Trio, sondern festigt die wissenschaftliche Gewißheit, dass „Musik ein etablierter Bestandteil des Lebens der Aurignacien-Menschen gewesen ist“, wie der Archäologe Conard den Fund einordnet. Zudem geht er davon aus, dass dieser neue Fund kein Erstlingswerk ist, sondern in einer bereits gefestigten Musiktradition steht. Das paßt in die Zeit, denn in der Aurignacien-Periode nach der letzten Eiszeit gab es in der Entwicklung der Menschen in Europa einen Innovationsschub, dessen Auslöser bis heute unklar ist. Die Forscher sprechen gern von einem „Kulturellen Urknall“, der symbolisches Denken und künstlerischen Gestaltungswillen ziemlich plötzlich über die Menschen brachte.

Die Bruchstücke der Luxusflöte aus Mammutelfenbein wurden schon vor 30 Jahren aus dem Schutt der Jahrzehntausende gesiebt. Mit Tausenden anderen Elfenbeinbröckchen lagerten sie in den Arsenalen der Tübinger Archäologen. Erst jetzt wurden die 31 Puzzleteile im Zuge von wissenschaftlichen Auswertungsarbeiten erkannt und rekonstruiert. Einige Fragmente hat Maria Malina noch in ihrem Kästchen, sie gehören eindeutig zu ihrer Flöte, lassen sich aber nicht anpassen. Das Instrument wird also vermutlich etwas länger als die jetzt rekonstruierten 18 Zentimeter gewesen sein.

Nun kann Nicholas Conard nicht mehr Nein sagen, sondern muss Flöte 3 in seine beeindruckende Sammlung urzeitlicher Funde einreihen. Damit setzt sich eine Erfolgsgeschichte fort, die offenbar ohne Ende und vor allem ohne Beispiel ist. Seit Jahren holen die Tübinger Archäologen aus den Höhlen des Hochplateaus zwischen Stuttgart und Donau vorgeschichtliche Kleinplastiken ins Licht der Neuzeit. Längst haben die südwestdeutschen Grotten den spanischen und französischen Höhlen mit ihren Wandgemälden den Rang als ältestes Atelier abgelaufen: Die Kunst entstand auf der Schwäbischen Alb.

Die Produktpalette der fantasievollen Eiszeitler umfaßt Mensch-Tier-Mischwesen, wie den berühmten Löwenmenschen, geschnitzte Elfenbeinmammuts, Löwen, Wisente, Bären und ein Pferdchen aus dem gleichen Material. Die letzten Funde hatten die Tübinger Forscher erst vor zwölf Monaten präsentiert: einen kleinen Bruder des Löwenmenschen, ein Pferdeköpfchen und eine im Flug gestreckte Ente, abermals die erste ihrer Art. 18 solcher Kleinplastiken wurden bislang geborgen. Zusätzlich zeugen Schmuckstücke, Musikinstrumente und neue Werkzeugformen von einer überbordenden Kreativität bei Menschen, die als Eiszeitjäger eigentlich genug mit ihrem Überleben zu tun hatten.

Doch das Rätsel der schwäbischen Höhlen geht über die Funde weit hinaus. Denn bis vor einem halben Jahr schien klar, wer die prähistorischen Künstler gewesen sind: Menschliche Knochen, die bei den Kunststücken gefunden wurden, verwiesen klar auf den modernen Menschen Homo sapiens sapiens. Der war vor 40000 Jahren donauaufwärts in den süddeutschen Raum eingewandert, wo er auf den dort seit rund 100000 Jahren umherschweifenden Neandertaler stieß.

Eine neue Datierung der Skelettreste sorgte vor sechs Monaten für eine handfeste Überraschung. Die Knochen waren höchstens 5000 Jahre alt, also zu jung für die eiszeitlichen Funde. Damit ist das Rennen wieder offen: War Homo sapiens oder der Neandertaler der erste Künstler?

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