Berlin : Lieder aus dem Diktiergerät

Der Schriftsteller Maxim Biller hat eine CD aufgenommen. Dafür ging er nicht ins Tonstudio, sondern blieb in seiner Wohnung

Nana Heymann

Manchmal sind es gerade die einfachen Dinge, die einen beeindrucken. Warum? Vermutlich, weil im Alltäglichen das Augenmerk zuallererst auf das vermeintlich Außergewöhnliche fällt. Insofern ist die Nachricht ebenso einfach wie überraschend: Maxim Biller, der vom Hassprediger zum Moralisten gewandelte Journalist und Schriftsteller („Esra“, „Bernsteintage“), hat seine Liebe zum gesungenen Wort entdeckt und veröffentlicht nun sein erstes Album.

„Tapes“ lautet schlicht und ergreifend der Titel des Werkes, dessen SchwarzWeiß-Cover das sonnenbebrillte Konterfei des Künstlers schmückt. All jenen, die nun versucht sind, ungläubig den Kopf zu schütteln und den Autor als komplett überdreht abzuschreiben, kann Entwarnung gegeben werden: Unter Zuhilfenahme neuer Mittel, vornehmlich der Gitarre, ist die Platte letztlich nur eine konsequente Weiterführung dessen, was der 44-Jährige bislang gemacht hat, nämlich Geschichten aus dem Billerschen Alltag zu erzählen und von sich selbst überzeugten, eitlen Mitmenschen damit den Spiegel vorzuhalten. Was darin zu erkennen ist, wirkt allerdings nur auf den ersten Blick amüsant und komisch.

Auf seinem Erstling gibt Biller Erzählungen vom „Mann ohne IQ“, „Mädchen mit Marshmallows“ oder von „Smiling Faces“ zum Besten. Wobei das Wort Erzählungen an manchen Stellen nicht ganz zutrifft. Oft sind es lediglich Wort-Kollagen, Gedankenfetzen oder Aufzählungen, die Biller aneinander reiht und die dann ein Bild dessen ergeben, was den Schriftsteller bewegt.

Über 700 Lieder, so erzählte Biller am Donnerstagabend bei der Vorstellung seiner Platte vor handverlesenem Publikum im Münzclub in Mitte, habe er in den vergangenen 20 Jahren geschrieben und intoniert. Die Idee, sie eines Tages auf CD zu pressen, wäre ihm selbst nie gekommen. Es ist allein dem Zureden eines Freundes, des Discjockeys und Produzenten Daniel Haaksman, zuzuschreiben, dass die teils absurden, teils melancholisch entspannten Stücke nun ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.

Der Sound der „Biller Tapes“ ist mitunter gewöhnungsbedürftig, vor allem wegen der Aufnahmen. Nicht professionell in der Gesangskabine eines Tonstudios, sondern daheim in den eigenen vier Wänden, sprach, sang, säuselte er seine Texte ins Diktiergerät oder sogar auf den Anrufbeantworter. Als Test ließ Biller während der Produktionsphase einige Titel in seinem Lieblingscafé laufen. Die Reaktionen im „103“ in der Kastanienallee ermutigten ihn, die Songs unverändert zu übernehmen. Am Musizieren scheint Biller jedenfalls großen Spaß gefunden zu haben. Für die nächste Platte ist eine wesentlich opulentere musikalische Umsetzung geplant. Im Tonstudio, mit professionellen Streichern – was die Besonderheit seiner Kompositionen leicht gefährden könnte. Denn wie gesagt: Manchmal überraschen einen gerade die einfachen, schnörkellosen Dinge.

„Biller Tapes“, bei Universal erschienen, ab 22. November im Handel.

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