Berlin : Liegen, wo die Mauer stand

42 Jahre nach dem Bau der Mauer – am Potsdamer Platz gab es eine alternative Gedenkveranstaltung

Volker Eckert

Die Veranstaltung war als spektakuläre Aktion des Erinnerns auf dem Potsdamer Platz angelegt: 899 Menschen sollten sich auf den ehemaligen Mauerstreifen legen, so viele, wie es nach den Recherchen der Organisatoren Opfer der Teilung gegeben hat. Tatsächlich legten sich gestern, 42 Jahre nach dem Bau der Mauer, dann nur 80 Teilnehmer auf den Asphalt; die Polizei sperrte die Kreuzung zum Leipziger Platz nur kurz. Nach wenigen Minuten mussten die Demonstranten den Autofahrern Platz machen und verloren sich im Nu im Treiben der Touristen.

Der Jura-Student Anatol Wiecki (31) hatte sich diese Alternative zu den üblichen Gedenkveranstaltungen in Berlin ausgedacht. Sein Ansatz: Mit Kranzniederlegungen könne man heute „doch keinen mehr vom Hocker reißen“. Ein Zeichen wolle er setzen dagegen, dass die Schrecken der DDR-Diktatur viel zu schnell in Vergessenheit gerieten. Dort, wo die Wunden inzwischen verheilt sind und heute die Neubauten aus der Erde schießen.

Dass am Ende gerade ein Zehntel der erhofften Demonstranten gekommen war, enttäuschte Organisator Anatol Wiecki: „Wir leben nun mal in einer Passivgesellschaft.“ Er selbst überwand die innerdeutsche Grenze 1981 als kleiner Junge. Seine Eltern waren wegen Kontakten zur Ständigen Vertretung West-Deutschlands mitten in der Nacht ausgewiesen worden.

Lutz Fengler gelang die Flucht im August 1961 an der Heinrich-Heine-Straße. Der 64-Jährige kam gestern Mittag zufällig am Potsdamer Platz vorbei und machte bei der Aktion mit. Dass nicht mehr Teilnehmer kamen, wunderte ihn nicht. „Die Leute“, sagt er und lässt seine rechte Hand über den Platz schweifen, „wollen heute eben Spaß und Events.“

Die politische Prominenz traf sich gestern an der Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße und am Mahnmal für Peter Fechter. Oberbürgermeister Klaus Wowereit nahm Bezug auf die momentane Debatte über Ostalgie und die Verharmlosung des Regimes: „Wir müssen aufpassen, dass die DDR nicht Kult wird.“ Die Menschen hätten die Neigung, sich in der Rückschau nur an das Positive zu erinnern. Dagegen helfe nur Erinnerung. Am Mahnmal für Peter Fechter, der 1962 mit 18 Jahren an der Mauer an seinen Schussverletzungen verblutete, lasen zwei Schauspielerinnen die Geschichte seines tragischen Fluchtversuchs. Im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen führten frühere Insassen, die teilweise bei Fluchtversuchen verhaftet wurden, durch die Räume.

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