Berlin : Lieselotte Wirnhier (Geb. 1919)

Wie kam nur der Wohnwagen ins Wohnzimmer?

Anselm Neft

Schon als Dreikäsehoch spielte sie in Märchenaufführungen das Schneewittchen oder Dornröschen. Lieselotte liebte die Kostüme, die Bühne, die ausdrucksstarken Gesten und Sätze. Kaum hatte sie die Schule beendet, ließ sie sich zur Schauspielerin ausbilden. Unüblich für diese Zeiten: Die Eltern riefen nicht Zeter und Mordio, sondern ließen ihre Tochter gewähren. Bald stand in Lieselottes Büchlein der „Reichskulturkammer“ nicht nur „Staatsangehörigkeit: deutsches Reich“, sondern auch „Beruf: Schauspielerin“. Ein anderes Buch, „Arbeitsbuch“ genannt, zeigt jedoch, dass dieser Beruf nicht immer genug Geld abwarf und durch Tätigkeiten als Stenotypistin und Verkäuferin für Herrenmode flankiert werden musste.

Als sich Lieselotte für den stattlichen Heinz entscheidet, entscheidet sie sich gleichzeitig gegen eine Karriere und für ein Leben als Hausfrau und Mutter. Heinz arbeitet erst bei „Maggi“ und macht sich dann als Kaufmann selbstständig. Erster Geschäftssitz wird Berlin- Lankwitz und so kehrt die in Berlin geborene, aber in Hamburg aufgewachsene Lieselotte in die Stadt ihrer Geburt zurück. Im Keller stapeln sich bald Käselaibe, einer der Import-Export-Artikel, die Heinz als Zwischenhändler nach Finnland vertreibt. Im Zweijahresabstand kommen die Kinder: Jutta, Klaus, Michael.

Was Lieselotte nicht mag: Putzen, Kochen, Waschen, Bügeln, Plätten. Was Lieselotte mag: Heinz, ihre Kinder und die großen Motto-Partys, die sie in Lankwitz schmeißen. Beim „Zirkus Wirnhier“ verwandelt sich das Haus in eine Manege, die Gäste führen Nummern auf und verblüffen auch noch auf der Rückfahrt in der S-Bahn mit eigens einstudierten Künsten. Als das Motto „Bei der roten Laterne“ heißt, wird der Dethleff Camper Wohnwagen auf später nicht mehr nachvollziehbare Weise ins Wohnzimmer gewuchtet und in eine Bar verwandelt. Mit dem Camper verbindet Lieselotte ohnehin bügelfreie Zeit: Zum Beispiel die schönen Familienreisen durch Skandinavien.

Lieselotte ist die Contenance in Reinkultur. Negativen Emotionen verleiht sie keinen Ausdruck. In Worten nicht, auch nicht Gesten oder psychosomatischen Krankheiten. Ihre Kinder werden sich später über die nach außen gezeigte Gelassenheit wundern. Von den Geldschwankungen der Selbstständigkeit bekommen die Heranwachsenden nichts mit. Dass Lieselottes Vater im Elsass als Lagerkommandant gearbeitet hat, ist kein Thema. Das Einzige, was sie dazu erwähnt, ist etwas Erfreuliches: Manche Gefangene hätten später Dankesbriefe geschrieben, weil ihr Vater den Besuch der Ehefrauen oder Familien erlaubt hatte. Lieselotte spricht nicht darüber, dass ihr jüngerer Bruder im Krieg gefallen ist. Sie spricht auch nicht darüber, dass sie ihr erstes Kind, Ingo, nach zweieinhalb Jahren an eine tödliche Diphtherie verloren hat.

Lieselottes Ehe verläuft liebevoll und harmonisch. Obwohl, oder vielleicht gerade weil Heinz viel Zeit auf Reisen oder hinter seinem Schreibtisch verbringt. Die gemeinsame Zeit zumindest wird nicht durch Streitereien oder Kälte, sondern von Plauderei, Planung oder Oper- und Theaterbesuchen bestimmt.

Die Geschäfte laufen immer besser, die Häuser der Familie werden größer. Das letzte in der Reihe steht in Wannsee. Dazu gehört ein großer Garten und ein Swimmingpool. Nachteil: Die Hausarbeit wird dadurch nicht weniger. Vorteil: Filmteams interessieren sich für das Anwesen als Kulisse. Was für ein Spaß! Mal huschen „Die liebestollen Baronessen“ in Höschen über den Rasen, mal schreiten die „Die Herren mit der weißen Weste“ durchs Interieur. Didi Hallervorden sprengt sich im Wohnzimmer selbst in die Luft, Harald Juhnke sucht die Hausbar, Eddie Arent verzieht keine Miene, und Heinz Erhardt kann auch bei ausgeschalteter Kamera die Wortspiele nicht lassen. Christian Quadflieg, Thekla Carola Wied, Telly Savalas – Lieselotte ist ganz in ihrem Element.

Kurz vor dem Mauerfall stirbt Heinz an einer Lungenentzündung. Lange bleibt Lieselotte nicht allein. Als Juttas Mann stirbt, zieht sie zurück zu ihrer Mutter. Ein paar Jahre später folgt Klaus, dessen Ehe geschieden wurde. Die Kinder begleiten ihre Mutter auch in den letzten Jahren, die von der Demenz überschattet werden. Trotz der Krankheit kann sich Lieselotte rühmen, zu den Wackeren zu gehören: Sie fährt auch dann noch zu den Klassentreffen nach Hamburg, als außer ihr nur noch eine Schulkameradin kommen kann.

Mit leuchtenden Augen sprechen die beiden von früher. Von Ballett und Hamburg und natürlich von Lieselottes großer Leidenschaft, vom Film und vom Theater.

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