Berlin : „Lili Marleen“ klang ihm zuletzt fast fremd

Erinnerungen an den Komponisten Norbert Schultze

Andreas Conrad

Zuletzt war da nur noch Überdruss. „Unter der Laterne, vor dem großen Tor“ – immer abends um halb zehn, bevor der Soldatensender Belgrad sein Programm mit „Lili Marleen“ beschloss, verkroch sich Hans Leip, Dichter der weltberühmten Zeilen, in sein Bett und zog die Decke über die Ohren: „Ich mag das Lied nicht mehr hören.“

Auch der Komponist Norbert Schultze, dessen beiläufig entstandene Melodie von Lale Andersen, der Dietrich, der Garbo, der Piaf, der Knef, von gut 300 Sängerinnen und Sängern interpretiert worden war, hatte zuletzt nur noch ein zwiespältiges Verhältnis zu der jungen Dame: „Wenn ich es heute höre, habe ich gar nicht das Gefühl, das ist von mir.“ Seine ihm wichtigsten Kompositionen? Die Opern „Schwarzer Peter“ oder „Das kalte Herz“ vielleicht, nur würden sie nur noch selten gespielt. Oder besonders der Musikfilm „Symphonie eines Lebens“, aber von dem existierten kaum Kopien. „Musikalisch habe ich Pech gehabt.“

Ein Satz, den er wohl oft gesagt hat damals, als er seine zum 85. Geburtstag veröffentlichten Erinnerungen „Mit dir, Lili Marleen“ vorstellte. Sechseinhalb Jahre ist das her, und mit Fug und Recht konnte er sich da als Berliner sehen, hatte er doch hier, obwohl er die meiste Zeit auf Mallorca lebte, noch immer seinen Hauptwohnsitz. Vor wenigen Tagen ist Norbert Schultze 91-jährig in Bad Tölz gestorben, heute findet in München die Trauerfeier statt, und später wird seine Urne im Familiengrab in Braunschweig beigesetzt, der Stadt, aus der er stammte.

Nach Berlin war er 1934 gekommen, arbeitete hier erst als Tonmeister und Aufnahmeleiter bei Telefunken, dann als freier Komponist. Die Melodie zu „Lili Marleen“ entstand 1938, geboren im „Groschenkeller“ in der Kantstraße, der Stammkneipe von Schultze und anderen Künstlerkollegen. Darunter war ein Bass, der in feuchtfröhlicher Runde um ein paar Shantys für seine Radiosendung bat und ihm Leips Gedichtsammlung „Die kleine Hafenorgel“ in die Hand drückte, in der sich auch „Lili Marleen“ fand. Leip hatte das Gedicht als kaiserlicher Gardefüselier in Berlin geschrieben, eigentlich waren zwei ihm zugeneigte junge Damen gemeint, Lili, die schwarzhaarige Tochter eines Gemüsehändlers, und die blonde Marleen, Tochter eines Arztes. Eine Dirne, wie aus dem Warten „unter der Laterne“ mitunter geschlossen wurde, war keine.

Das Lied hat dem Bass dann aber nicht gefallen, das sei was für kleine Mädchen. Auch die Aufnahme mit Lale Andersen war zunächst ein Flop. Erst am 18. August 1941 ging das Lied erstmals über den Belgrader Sender, Auftakt zu einem grenzenlosen Erfolg. Den Nazis hat das gar nicht gefallen, Goebbels sprach dem Lied sogar „Leichengeruch“ zu. Eine Militärmarsch-Fassung wurde aufgenommen – den Siegeszug des melancholischen Originals hat das nicht gestoppt.

Mit Schultzes anderen Kompositionen waren Goebbels & Co. hochzufrieden, seien es die Musik zu dem Euthanasiefilm „Ich klage an“, zu dem Durchhaltestreifen „Kolberg“ oder Lieder wie „Bomben auf Engeland“ und „Panzer rollen in Afrika vor“. Nach dem Krieg wurde Schultze als Mitläufer eingestuft. Nach dieser Seite seines Schaffens befragt, empfahl er sein Buch, das sei ein Versuch, mit der Vergangenheit fertig zu werden. Damals habe er nicht nachgedacht und geglaubt, es sei „vaterländische Pflicht“. Ein fataler Irrtum, er wollte es nicht leugnen: „Ich bekenne mich schuldig, an diesem System mitgearbeitet zu haben.“

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