Berlin : Linie dry

Viel Prinzenbad, wenig Wannsee: Das Grips-Theater malt mit dem Stück „Baden gehen“ ein „Sittenbild mit Musik“. Das Ensemble bleibt dem Kreuzberger Modell treu – doch es bricht auch mit einer ganzen Reihe von Traditionen

Bernd Matthies

Fast hätte das Stück den Untertitel „Posse mit Gesang“ tragen müssen. Aber das klang den Autoren Volker Ludwig und Franziska Steiof dann doch zu klamottig – und sie einigten sich auf „Sittenbild mit Musik“. Passender. Denn am Grips-Theater machen sie nun einmal keine Comedy und nichts, was einfach nur ulkig ist, hier reimt sich „Baden gehn“ allemal auf „Tag überstehn“. Unsere Zukunft, heißt es herzhaft in einem Song, „ist wie Pisse, die verrinnt“, und wenn doch mal was grünt, sind es garantiert die Schimmelpilze. Der Tiefgang ist Programm, Sozialabbau ist mit den Leuten vom Hansaplatz thematisch nicht zu machen.

„Baden gehn“ – der Titel des neuen Grips-Stücks, das in die Reihe der großen Musikproduktionen des Hauses gehört, jene Reihe, die einst mit „Linie 1“ so überwältigend erfolgreich begonnen wurde. Dies hier könnte auch „Linie dry“ heißen, denn Wasser gibt es keins: Dies ist das Musical zum Nachtragshaushalt, und weil Berlin ja finanziell baden geht, ist das Becken schon längst leer. Selbst die versperrte Liegewiese muss von den zwölf handelnden Personen erst im Handstreich erobert werden. Die Bademeister („Alle Menschen sind Brüder, und wer ist der Herr? Der Bademeister, der Bademeis-terrrr“) flüchten Hals über Kopf in den Vorruhestand, und auf der Wiese, die von einem riesigen braungrünen Flokati flächendeckend dargestellt wird (Bühne: Matthias Fischer-Dieskau), entfaltet sich das gesellschaftliche Leben nach Kreuzberger Modell, viel Prinzenbad, wenig Wannsee. Dieses Freibad ist nicht wirklich frei, sondern eine eher halb geschlossene Badeanstalt, eine „Metapher für Leben und Überleben in Zeiten der Krise“ (Programm).

Das Frührentner-Paar, er stoisch in Feinripp, sie hysterische Ex-Lehrerin mit Tinnitus, provoziert eine grelle Beschimpfung der „Rentnerpest“, das weißrussische Au-pair-Mädchen fahndet hinternwackelnd nach einem reichen Ehemann, ihre Freundin, ein echtes Hascherl, boykottiert US-Produkte und muss für die Krankenschwesternausbildung lernen, und die Ost-Frau tobt, weil ihr türkischer Kerl plötzlich einen Job bekommt, ein heimtückischer Angriff auf ihre so gemütliche Arbeitslosengruppe. Zwei Freunde, einer verklemmt, einer koksender Frauenheld, sinnieren über den Selbstmord und fuchteln mit dem Revolver, zwei Außenseiter – sie klaut, er wohnt im leeren Schwimmbecken – finden sich zusammen, und dann ist da noch Thomas Ahrens, der erst den Bademeister mit Wilhelm-Zwo-Bart gibt und später als blondierter Reserveoffizier wirklich sämtliche Hüllen fallen lässt, während die Lehrerin (Michaela Hanser) sich gleichzeitig in ihrem diskreten Umkleide-Umhang verheddert. Man ahnt, dass das Buch ihm eine Art Katalysator-Rolle zugedacht hat. Denn das Grips wäre nicht das Grips, flackerte nicht doch ein Licht am Ende des Schwimmbeckens: Wenn hier gescheitert wird, dann stets zukunftsträchtig und begleitet von ordentlich Mitgefühl.

Für das Theater bedeutet dieses Stück den Bruch mit einer Reihe von Traditionen. Volker Ludwig und sein Stammkomponist Birger Heymann treten in den Hintergrund, eine Art Generationswechsel. Franziska Steiof, die Co-Autorin, führt auch Regie, die Musik der 13 Songs stammt von mehreren jüngeren Komponisten und flirtet deshalb viel deutlicher als früher mit Hiphop, Rap&Co. „Kleine Geschichten aus einer großen Stadt“ lautet der Unter-Untertitel, aber es ist keine Nummernrevue geworden und auch keine Entwicklungsgeschichte einer Hauptfigur wie „Linie 1“, sondern das Protokoll einer Interaktion von zwölf durchgehend anwesenden Personen.

Und überhaupt, Musical! Das, meint Volker Ludwig, sei überhaupt nicht sein Begriff, sondern eher das nachträglich von irgendwem aufgeklebte Etikett für die „Linie 1“. Was ist „Baden gehn“ denn nun? Sagen wir: ein Bademeisterstück mit Choreografie und Musik.

Grips-Theater am U-Bahnhof Hansaplatz. „Baden gehen“ hat am 2. Juni Premiere, weitere Vorstellungen finden zunächst am 3. und 4. sowie vom 17. bis zum 21. Juni jeweils um 19.30 Uhr statt. Karten kosten 15, ermäßigt 9 Euro.

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