Berlin : Linientreu

Christian van Lessen

Als Mann der schnellen Feder bleibt er im Gedächtnis. Der beliebte Zeichner, Karikaturist und Grafiker, der lächelnd kräftig austeilen konnte. In der West-Berliner „Abendschau“ skizzierte er in den sechziger Jahren Aktuelles, das nur zu oft mit der DDR-Nachbarschaft zu tun hatte. Oskar kommentierte und strichelte dabei vor laufender Kamera Anfangsbuchstaben oder Zahlen auf die Leinwand. Die Zuschauer grübelten, was daraus wohl werden könnte. Oft zitterten sie auch, ob aus den so merkwürdig verteilten Kreisen, Buchstaben und Zahlen überhaupt was werden könnte. Aber Oskar behielt die Nerven, verband alles genial mit Linien und Strichen. In zwei, drei Minuten waren aus Punkt, Punkt, Komma, Strich Politiker geworden. Meist kam der „Spitzbart“ heraus, DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht. Oskar verstand es, ihn in lächerliche Lagen zu bringen – und beide Teile der Stadt amüsierten sich. Oskar brachte Berlin in ernsten Tagen zum Lächeln, zum Lachen. Es gab – was oft vergessen wird – viele ernste Tage. Oskars flinke Striche waren die humorvoll-freche Antwort auf Sticheleien von „drüben“. Die schnelle Feder machte ihn zur Institution. Oskar ist tot.

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