Linke : „Die PDS als Ostpartei wär längst erledigt“

Am Wochenende wird auch in Berlin aus PDS und WASG die Linke. Zwei Parteichefs ziehen Bilanz, wie sich die frühere SED seit 1990 verändert hat.

Lars von Törne

Wie viel SED steckt in der Linken? Diese Frage lässt auch 17 Jahre nach dem Ende der DDR die Emotionen hochkochen. Im Abgeordnetenhaus lieferten sich rot-rote Koalition und Opposition kürzlich einen erbitterten Schlagabtausch über die Frage, ob die Linke eine normale demokratische Partei ist – oder „totalitär“ (FDP-Fraktionschef Martin Lindner) und „im Kern die alte Kommunistentruppe“ (CDU-Generalsekretär Frank Henkel). Anlass der Kontroverse ist die Fusion des SED-Nachfolgers PDS mit der WASG zur neuen Partei namens die Linke. Im Bund wurde der Schritt Mitte Juni vollzogen, der Berliner Landesverband der Linken konstituiert sich auf einem Parteitag an diesem Wochenende, größtenteils aus der bisherigen PDS, ergänzt durch einzelne WASG-Vertreter.

Wie viel die Berliner Linke des Jahres 2007 mit ihrem Vorvorgänger zu tun hat, wird auch innerhalb der Partei unterschiedlich bewertet. „Natürlich ist die Linke heute eine andere Partei als die Staatspartei SED von Ende 1989, Anfang 1990“, sagt Klaus Lederer (33), seit 2005 Landesvorsitzender der PDS, der am Wochenende voraussichtlich Landesvorsitzender der Linken wird. Im gemeinsamen Gespräch mit Wolfram Adolphi, der die Berliner PDS in den Jahren 1990 und 1991 führte, erinnert Lederer an die „zahlreichen tiefgreifenden inhaltlichen Auseinandersetzungen“, die seine Partei seit der Wende verändert hätten. Außerdem habe die Linke schon von der Mitgliederzahl her kaum noch etwas mit der SED-PDS der Wendezeit zu tun. „Damals waren das in Berlin einige Hunderttausend, heute sind wir bei 9000.“

Ex-Parteichef Adolphi hingegen betont die Traditionslinien. „Es gibt eine große Schnittmenge zwischen der SED-PDS von 1990 und der Linkspartei von heute“, sagt der 56-Jährige, der 1991 nach Bekanntwerden seiner Stasi-Mitarbeit als Parteichef zurücktrat und heute Mitarbeiter des Linkspartei-Abgeordneten Roland Claus im Bundestag ist. „Wir haben heute viel Führungspersonal, das in jener Zeit zu uns gekommen ist, von Wirtschaftssenator Harald Wolf bis zur Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Carola Bluhm, und zur Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch.“ Diese Politiker waren in der Zeit nach der Wende „unsere Jungen“, erinnert sich Adolphi. „Seitdem haben sie das Profil der Partei nach außen geprägt.“

Für manche in der Opposition sind die Politiker der Linken im Senat schlicht „Linksextreme“, die sich „von der Demokratie verabschiedet“ hätten, wie FDP- Mann Lindner urteilt. Und CDU-Mann Henkel sieht die Ursprünge der jetzt als gesamtdeutsche Partei auftretenden Linken nicht in den Wendejahren 1989/90, als aus der SED die PDS wurde, sondern im Jahr 1946, als KPD und SPD unter Zwang zur SED vereinigt wurden. Vorhaltungen, die Parteichef Lederer kontert, indem er darauf verweist, dass es keine andere Partei gebe, „die sich so intensiv mit Geschichte und der eigenen historischen Verantwortung beschäftigt hat wie unsere“. Er betont die „intensive, kritische Auseinandersetzung in unserer Partei mit der Geschichte des real existierenden Sozialismus“. Nach dem Ende der SED sagten viele Beobachter der PDS ein kurzes Leben voraus. Dass die Prognose nicht zutraf und die Partei nun als Linke sogar eine gesamtdeutsche Perspektive sieht, erklärt sich der einstige Parteichef Adolphi mit der Funktion der Partei als Sammelbecken: „Die PDS ist lebendig geblieben, weil sie aus besonders unterschiedlichen Leuten besteht, die heute wie damals das Ziel eint, eine Partei links von der SPD haben zu wollen“, sagt er. „Die sozialistische Idee, die Welt von unten zu betrachten, ist nach wie vor lebendig.“ Dazu komme die starke Ostverankerung, die für die Linke bis heute ein wichtiger Faktor ist. „Aber das alleine hätte nicht gereicht“, entgegnet Parteichef Lederer. „Die PDS alleine als Ostpartei hätte sich auf Dauer erledigt.“ Ohne die neue, gesamtdeutsche Aussicht, die man durch das Zusammengehen mit der vor allem in Westdeutschland aktiven WASG nun habe, „hätten wir keine große Zukunft gehabt“. Aber Wahlerfolge wie jüngst der in Bremen zeigten, „dass sich ganz neue Chancen für die Linke auftun“. Fast 18 Jahre nach dem Übergang von der SED zur PDS sind sich Lederer und Adolphi einig: Ihre Partei hat Zukunft. „Die Probleme, die uns am Anfang eine Basis gaben, die werden nicht kleiner – zumindest nicht, solange sich die kapitalistische Gesellschaft weiter so ungehemmt entwickelt wie jetzt“, sagt Ex-Parteichef Adolphi. Lederer ist überzeugt: „Ich bin sicher, uns wird es auch in 18 Jahren noch geben.“ Lars von Törne

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