Linke Szene : Das Grollen der Kiezguerilla

Wenn Linksradikale Anschläge verüben, dann mit Vorliebe in Friedrichshain - seit Jahresbeginn lässt sich dort eine Serie von Anschlägen verfolgen. Was ist bloß mit diesem Stadtteil los?

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Am Morgen nach der Räumung von Liebig14.
Am Morgen nach der Räumung von Liebig14.Foto: dapd

Am Markgrafendamm in Stralau ist die DDR noch gut zu erkennen. Dürftig übermalte Plattenwohnsilos lehnen sich an unsanierten Altbauten mit original Plastefallrohren und zerbröselnden Fensterkreuzen. Die Eckkneipe heißt „Irrenhaus“ und bietet Sternburger Pils „außer Haus für 1 Euro“. Vor einem Sperrmüllgrundstück mit Bauwagen und Wuchergrün hängen Briefkästen mit Stickern. Einer imitiert das RAF-Logo: „Alle Macht kommt aus den Gewehrläufen“. Ein paar Meter entfernt quert die Kabelbrücke der Bahn den Markgrafendamm, das jüngste Anschlagsziel der militanten Linken.

Die suggestive Umfeldanalyse muss gar nichts bedeuten. Oder doch: Die Linke zündelt mit Vorliebe im eigenen Revier. Seit Jahresbeginn lässt sich eine Serie von Anschlägen verfolgen: Polizeiwache 51, Rathaus an der Frankfurter Allee, VW-Transporter der Bahn an der Holzmarktstraße, das ehemals besetzte, jetzt leer stehende Haus in der Liebigstraße 14. Und wenn nicht gezündelt wird, werden irgendwo Scheiben eingeworfen: Sonnabend früh war die Lidl-Filiale in der Liebigstraße dran.

Offenbar ist die fußläufige Erreichbarkeit ein wichtiges Kriterium bei der Zielauswahl. Die Alt-Linken zogen noch regelmäßig ins Herz des Kapitalismus, an den Kurfürstendamm, um gegen den Schah von Persien oder den Krieg in Vietnam zu demonstrieren.

Franz Schulz, der grüne Dauerbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, selbst Attacken der linken Szene ausgesetzt, sieht eine „teilräumliche Konzentration“ von Gewaltakten im östlichen Friedrichshain, das habe aber eher etwas mit dem „Tourismus der Rechtsextremen“ in linksdominiertes Territorium zu tun. Die ehemalige Besetzergruppe der Liebigstraße 14 distanzierte sich schnell von den eingeworfenen Fenstern an ihrem ehemaligen Haus. Autonome handeln eben autonom, diskutiert wird immer erst hinterher. Meistens auf den einschlägigen Foren im Internet. Da bekamen auch die Kabelbrückentäter ihr Fett weg.

Vielen Linken geht es vor allem darum, territoriale Ansprüche zu verteidigen und Investoren abzuschrecken.

„Wir sind gekommen, um zu bleiben“, singt die Band Wir sind Helden. Die Liedzeile findet sich auch auf einem alten Plakat zur Erhaltung des RAW-Tempels, einem graffitiübersäten Ruinenrückzugsraum linker Projekte, vergleichbar mit dem Tacheles in Mitte. Dieses Friedrichshain-Utopia an der Warschauer Brücke soll unter allen Umständen gerettet werden, auch wenn es sich längst dem Kommerz geöffnet hat. Die meisten Linken kämpfen für solche „Freiräume“ außerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik mit Demos, Bürgerbegehren und Anwälten, Splittergruppen versuchen es mit Brandbeschleunigern. Gut 50 dieser Anschläge auf Autos wurden seit Jahresbeginn registriert, auch in Neukölln und Prenzlauer Berg wie am Wochenende, „insbesondere aber in Friedrichshain“, so die Polizei in einer Analyse. Die Täter kämen fast immer in den Nächten zu Donnerstag, Sonnabend und Montag.

Das Bleiben wird zunehmend schwieriger in Friedrichshain. Nach Auslaufen diverser Sanierungsgebiete herrscht auch hier der freie Markt. Bei Neuvermietungen werden durchschnittlich sieben Euro pro Quadratmeter verlangt, das liegt knapp über dem Niveau von Steglitz-Zehlendorf. „Der Anteil armer Leute ist erheblich zurückgegangen“, sagt Werner Oehlert vom Stadtforschungsinstitut Asum. „Selbst Leute mit mittlerem Einkommen fühlen sich in ihrem angestammten Kiez bedroht.“ Für Transferempfänger sei der Stadtteil inzwischen unerschwinglich.

Mietwohnungen werden in Ferienappartements oder Anlageobjekte verwandelt. 4500 Wohnungen sind zwar für Leute mit Wohnberechtigungsscheinen reserviert, aber weil die Mieten für Geringverdiener zu hoch sind, kommen doch wieder andere zum Zug. „Hier herrscht Wild-West“, sagt Linken-Politiker Mirko Assatzk, der als Beruf „Friedrichshainer“ angibt. Der Name Friedrichshain übe immer noch eine hohe Anziehungskraft auf „Besetzer-Milieus“ aus der Provinz aus, wenn diese dann am Ort ihrer Sehnsucht angekommen sind, würden sie merken, dass es ein „schweres Pflaster“ ist, mit wenigen, oft schlecht bezahlten Jobs und teuren Wohnungen. Dann müssen sie sich entscheiden, zwischen militanter Kiezguerilla und demokratischem Widerstand. Diese linken Szenen seien weitgehend unverbunden, sagt Assatzk. Es gebe nur wenige „Grenzgänger“.

Die Normalos unter den Zuzüglern haben die Quartiere ungemein belebt, aber die studentische Subkultur aus der Nachwendezeit herausgedrängt. Schicke Läden und Unmengen von Restaurants sind entstanden, der Bezirk hat verwilderte Zonen für Trinker, Punker und Hunde in Familiengärten verwandelt. Die besetzten Häuser im Samariterviertel wurden bis auf die Liebig 14 allesamt befriedet. Konfliktlinien verlaufen nun eher zwischen den Generationen und Lebensstilen als zwischen Links und Rechts.

Das Viertel Stralau wird seinen DDR-Charme noch einige Jahre konservieren können. Der vierspurige Markgrafendamm ist einfach zu laut für Kaufinteressenten. Auch der RAW-Tempel hat eine weitere Schonfrist erhalten. Ein zehnjähriger Nutzungsvertrag sei mit dem Eigentümer ausgehandelt worden, sagt Schulz.

Neuestes Hassobjekt der Linken ist das geplante Mercedes-Hochhaus mit kreisendem Stern an der O2-Arena. „Eine absolute Provokation“, sagt ein anonymer Szenekenner, „ein zweites Europacenter“. Das spießige 70er-Jahre-Charlottenburg mitten in Friedrichshain, schlimmer könnte es nicht kommen. Auch das Bezirksamt lehnt die Planungen ab, allen voran die Grünen-Fraktion. Die Mercedes-Leute in Stuttgart würden zwar Presseartikel über die spezielle Lage in Friedrichshain lesen, sagte Schulz, aber in ihrer „schwäbischen Gemütlichkeit“ nicht wirklich ernst nehmen. Es klingt ja auch nach Spielwiese, wenn sich Gruppen „Wasser Armee Friedrichshain“ nennen oder das „Grollen des Eyjafjallajökull“. Da müssen sich die Kiezguerilleros nicht wundern, wenn Investoren ihre Brandanschläge einfach ignorieren.

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