Berlin : Linke Touren

Dr. Seltsam, Lesebühnen-Gründer und ewiger Aktivist, veranstaltet nun Stadtrundfahrten auf den Spuren Rosa Luxemburgs.

Knud Kohr
Rechts ranfahren. Das liegt Wolfgang Kroeske alias Dr. Seltsam (rechts) eigentlich weniger. Foto: Vincent Schlenner
Rechts ranfahren. Das liegt Wolfgang Kroeske alias Dr. Seltsam (rechts) eigentlich weniger. Foto: Vincent Schlenner

An einem sonnigen Mittag sitzt Geschäftsführerin Katrin Jonas vor einem Café in der Friedenauer Cranachstraße 58 und wird langsam nervös. Aus Richtung der nächsten Kreuzung klingt jäh schweres Motorgeräusch. „Ist er das?“, erhebt sich die schlanke Frau und sucht den Blick ihres Geschäftspartners Dr. Seltsam. Doch der schüttelt nur den Kopf. „Das war ein Motorrad.“

Auf den übrigen Caféhaustischen sitzen ein gutes halbes Dutzend Menschen und genießen das Wetter. Sie alle sind eingeladen, an der Generalprobe dieses neuen Berliner Unternehmens teilzunehmen, das „Dr. Seltsams Stadtrundfahrten“ heißt und heute mit einer „Rosa-Luxemburg-Tour“ den Betrieb aufnehmen soll.

Aber leider ist der Bus nicht da. Dabei hätte er schon vor einer halben Stunde seine Gäste laden sollen. Auch Dr. Seltsam steht auf. Wie immer trägt er einen Anzug mit roter Fliege, unter dessen offen stehender Jacke sich ein Bauch wölbt, wie er sich für einen 61-jährigen Linksintellektuellen einfach gehört.

„Hier, in der Cranachstraße 58, lebte Rosa Luxemburg von 1902 bis 1911“, beginnt er spontan seinen Vortrag. Mit einer fließenden Armbewegung fordert er die Gäste auf, ihm zu folgen. Die Geste, mit der seine andere Hand Katrin Jonas auffordert, telefonisch nach dem Bus zu suchen, ist wesentlich flinker und dezenter. „Die Gedenktafel hier am Straßenrand wird wohl von den Mietern nicht gern gesehen. Und auf einem der Balkone...“ Elegant hat Dr. Seltsam die Wartenden um sich versammelt und in Richtung Hinterhof gelotst. Seiner Geschäftsführerin fliegt das Handy wie von selbst ans Ohr. Dr. Seltsam heißt eigentlich Wolfgang Kroeske. Seit Jahrzehnten ist der streitbare Mann im Berliner Kulturleben unterwegs. Im Streikjahr 1988/89 an der FU Berlin entstand mit dem „Frühschoppen“ das erste Wortvarieté, dem Dr. Seltsam als Moderator diente. 2003 trennte er sich von den Schriftstellern um Horst Evers und Sarah Schmidt, weil die ihm verboten, das Wort „Uranmunition“ auf der Bühne zu verwenden. Kroeske machte sich mit „Dr. Seltsams Wochenschau“ im Brauhaus Südstern selbständig. Stets mit ihm auf der Bühne zu finden ist der Liedermacher Detlev K. Auch heute ist er in Friedenau unter den Wartenden.

Vor allem aber war Dr. Seltsam in den vergangenen zwanzig Jahren arbeitslos. Dem Staat als Beamter zu dienen, was bei seinem Studienabschluss als Lehrer logisch gewesen wäre, missfiel ihm. „Meine erste Stelle war in Lichtenrade“, schüttelt es ihn noch heute. „Da hatten einige Schüler mehr Taschengeld als ich verdiente. Ich wollte nach Kreuzberg.“

Mittlerweile ist der Bus angekommen. Der einzige noch existierende DDR-Robur-Geländebus hat 15 Plätze und klingt wie ein Panzer bei der Attacke. Normalerweise kommt er bei Fahrten durch den Kalksteintagebau Rüdersdorf zum Einsatz. Bevor die beiden Jungunternehmer ihre Gäste einsteigen lassen, wird der Bus noch rasch mit roten Fahnen geschmückt. „Habe ich heute Nacht aus Papier gebastelt“, sagt Kroeske grinsend. Nach einigen Fotos kann die Luxemburg-Tour mit anderthalb Stunden Verspätung beginnen.

„Klingt toll, der Motor“, jubelt Kroeske auf den ersten Metern zur zweiten Station der Tour. „Braucht 18 Liter auf hundert Kilometer“, bestätigt sein Fahrer. Vor allem ist er so laut, dass Dr. Seltsam fast schreien muss, um mitzuteilen, dass Rosa Luxemburg zwischen 1911 und 1919 in der heutigen Lindenstraße 2 in Steglitz lebte. „Das Haus steht leider nicht mehr“, gibt er an einer roten Ampel zu. „Aber die Eltern der Nachbarn haben sie noch gesehen.“

Dann muss der Robur scharf bremsen. Eine Polizeistreife winkt ihn an den Straßenrand. Scheinbar ist der Bus vor wenigen Minuten einem Paket-Lieferwagen zu nahe gekommen und hat dem einen Spiegel verbogen. Hören konnte man davon natürlich nichts. Bei dem Motorlärm.

Es dauert eine Viertelstunde, bis Dr. Seltsam die Angelegenheit geklärt hat. Und eine weitere, bis der Robur an der Lindenstraße ankommt. Wo es eigentlich nichts zu sehen gibt. Seit dem offiziellen Starttermin der Rundfahrt sind mittlerweile knapp drei Stunden vergangen.

„Dr.“, meldet sich Detlef K. zu Wort. „Ich muss bald mal nach Hause. Die Hausbesitzer haben sich angemeldet. Die will ich nicht warten lassen.“

„Langsam geht auch der Feierabendverkehr los“, unterstützt ihn der Fahrer. „Mit dem Bus komme ich schwer durch die engen Straßen.“ Wieder sucht Dr. Seltsam den Blick seiner Geschäftsführerin. Die nickt ein wenig zögerlich. „Ist ja sowieso nur die Generalprobe“, entscheidet der Reiseführer spontan.

Dann geht es wieder zurück nach Friedenau. Jeder Gast, der möchte, bekommt eine Kopie von Dr. Seltsams Rosa-Luxemburg-Vortrag per Mail zugeschickt. Und beim Aussteigen ist der gesamte Bus zur Einschätzung gekommen: Wer daran glaubt, dass eine Premiere desto besser verläuft, je mehr bei der Generalprobe daneben geht, dem sollte sein Telefon schneller ans Ohr fliegen als Katrin Jonas bei der Suche nach dem Bus.

Die Tour startet am heutigen Donnerstag um 15 Uhr am Café des S-Bahnhofs Friedenau in der Cranachstraße 58. Anmeldung unter: 01577-3862029.

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